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Zweifel an türkischer Stadtfreundschaft

Hannoversche Fotografen aus Haft entlassen Zweifel an türkischer Stadtfreundschaft

Zwar sind die drei hannoverschen Fotografen Ruben Neugebauer, Chris Grodotzki und Björn Kietzmann aus ihrer Haft im türkischen Diyarbakir wieder freigelassen worden. Doch in ihrer Heimat wachsen jetzt Zweifel daran, ob Hannover ausgerechnet mit dieser Stadt eine Städtefreundschaft eingehen sollte.

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Die Fotografen Ruben Neugebauer (von links), Chris Grodotzki und Björn Kietzmann können wieder lachen – sie sind nach 31 Stunden in türkischer Haft wieder frei. 

Quelle: privat

Hannover. „Ich frage mich wirklich, ob wir eine Partnerschaft mit einer Stadt wollen, in der die Pressefreiheit mit Füßen getreten wird“, sagte CDU-Ratsherr Felix Blaschzyk in einer ersten Reaktion auf die Vorgänge. Von der Stadtspitze gab es am Dienstag keine Bewertung. „Für außenpolitische Angelegenheiten – und um eine solche handelte es sich bei der Verhaftung der drei hannoverschen Fotografen – ist das Auswärtige Amt zuständig“, teilte ein Sprecher mit. Die Stadt Hannover verfolge „die aktuelle Lage jedoch mit besonderem Interesse“ und stehe „allen Gesprächspartnern unterstützend zur Seite“.

Tatsächlich gibt es Bestrebungen, sowohl mit der kurdisch geprägten Stadt Diyarbakir wie auch mit der türkischen Großstadt Konya Stadtfreundschaften zu schließen. Dabei soll es ausdrücklich nicht um neue Städtepartnerschaften gehen, wie Hannover sie etwa bereits mit Hiroshima oder Rouen pflegt, sondern um engeres Zusammenarbeiten. Bei Diyarbakir ist das Hauptinteresse Solidarität mit den Kurden in der Türkei. Um aber Hannovers Kurden nicht zu verprellen, wurde mit Konya eine nicht kurdisch-dominierte Stadt in der Türkei ausgewählt. Vereinbart ist, dass voraussichtlich im Frühjahr 2015 eine Ratsdelegation beide Städte besucht, um sich ein Bild auch von der dortigen Menschenrechtslage zu machen. An dieser Planung habe sich nichts geändert, teilte der Stadtsprecher am Dienstag mit. Man müsse nach den neuesten Vorfällen aber „gegebenenfalls mit einem längeren Zeitraum für den Anbahnungsprozess rechnen“.

Derweil haben am Dienstag rund 70 Personen vor dem Türkischen Generalkonsulat sowohl gegen den Umgang der Türkischen Sicherheitskräfte mit Journalisten wie auch gegen das Verhalten der türkischen Regierung im Kampf gegen die Terrororganisation IS protestiert. Mit dabei waren auch etliche Studierende der Hochschule Hannover, an der Chris Grodotzki Fotojournalismus studiert – er ist einer der drei in der Türkei inhaftierten Hannoveraner.

Grodotzki und die beiden Fotografen Ruben Neugebauer und Björn Kietzmann hatten insgesamt 31 Stunden in türkischer Haft verbracht. „Jetzt versuchen wir, irgendwie alle Behördengänge hinter uns zu bringen“, berichtete Neugebauer am Dienstag. Am Nachmittag waren die drei Reporter bei einem Notar, um letzte Vorkehrungen für ihre Ausreise aus dem Krisengebiet zu treffen. „Wir dürfen das Land verlassen, obwohl die Anschuldigungen gegen uns weiter bestehen bleiben“, sagt Neugebauer.

Sie hatten einen Hilfskonvoi begleitet und wollten anschließend über die Proteste von Kurden gegen die abwartende Haltung der Türkei im Syrienkonflikt berichten. Die Polizei wirft den drei jungen Männern aber vor, Krawalle in Diyarbakir angestachelt und unter anderem die Demonstranten dazu verleitet zu haben, 
 Sofas auf der Straße anzuzünden. Nach ihrer Freilassung von einem Stützpunkt der Antiterroreinheit verließen die drei Diyarbakir.     

Zwei mögliche Freundschaftsstädte

Diyarbakir ist die zweitgrößte Stadt Südostanatoliens in der Türkei. Ein Großteil der knapp eine Million Einwohner ist kurdisch. Das spiegelt sich auch in der sehr offenen Politik wider. Diyarbakir ist eine der wenigen Städte, die eine Frau als Bürgermeisterin hat. Die Kurdin teilt aber nicht nur freiwillig ihre Macht mit ihrem männlichen Stellvertreter, 
sondern auch ihr Gehalt. Im Stadtparlament ist die HDP mit etwa 60 Prozent der Sitze stärkste Kraft, gefolgt 
von der AKP mit etwa 34 Prozent. Sehr viele Freiheiten hat die Stadtführung 
jedoch nicht. Denn die Verwaltung der 
 Region Diyarbakir, zu der die gleichnamige Stadt gehört und die ihr gegenüber weisungsbefugt ist, ist fest in 
türkischer Hand.

Konya ist mit mehr als zwei Millionen Einwohnern die siebtgrößte Stadt der Türkei. Die Metropole gilt als extrem konservativ. Bei der letzten Kommunalwahl gewann die islamisch-konservative Partei AKP von Präsident Tayyip 
Erdoğan mit 64 Prozent der Stimmen. Zudem zogen als zweit und drittstärkste Kraft die rechtsextreme MHP und die islamische SP in das Stadtparlament ein.     

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Türkisches Generalkonsulat

Rund 50 Personen haben am Dienstagvormittag in der Nordstadt friedlich gegen das Verhalten der türkischen Regierung im Kampf gegen die Terrororganisation IS demonstriert. Auch Fotostudenten der Hochschule Hannover demonstrierten vor dem Konsulat für Pressefreiheit in der Türkei.

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