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517. Gildentag in Göttingen

Handwerk kämpft um Meistertitel 517. Gildentag in Göttingen

Urkunden für die neuen Obermeister, Regiments-predigt in der Marienkirche, Morgensprache im historischen Saal des Alten Rathauses: Am Montag, 6. Oktober, war Gildenwahl in Göttingen. Zur 517. Auflage dieser aus dem Mittelalter stammenden Tradition hatte die Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen (KH) 300 Gäste aus Handwerk, Handel, Wirtschaft und Verwaltung eingeladen.

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Stellt sein Gesellenstück vor: Steinmetz und Steinbildhauer Arne Ortgies (22), Kammer- und Landessieger mit Christian Frölich (l.).

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. Die KH hat 23 Innungen, 800 Mitgliedsbetriebe mit 2500 Beschäftigten und reichlich Probleme. Kreishandwerksmeister Christian Frölich, der seit April im Amt ist und gestern sein Gildentags-Debüt hatte, griff Themen auf, die der KH „unter den Nägeln brennen“.

Der 46-jährige Obermeister der Bau-Innung, Diplomingenieur und geschäftsführender Gesellschafter der August Frölich GmbH sieht die deutsche duale  Ausbildung in Gefahr. Auf europäischer Ebene seien konkrete Absichten erkennbar, harmonisierte Mindeststandards für die Ausbildung zu definieren.

Nivellierung auf unterstem Niveau

Was zunächst harmlos klinge, bedeute in Wahrheit eine „Nivellierung auf unterstem Niveau“, sagte Frölich. Immer wieder seien Meisterbrief und duale Ausbildung Angriffen aus Europa ausgesetzt. Frölich befürchtet eine Absenkung der Qualitätsstandards und die Aushöhlung des dualen Systems. Das habe bereits die Novellierung der Handwerksordnung von 2004 gezeigt.

Am Beispiel der Fliesenleger verdeutlichte der KH-Chef die Folgen der Novellierung: vor 2004 habe die Zahl bestandener Meisterprüfungen bei 550 pro Jahr gelegen, heute seien es knapp 90. Ein Rückgang um 84 Prozent. Wurden 2004 noch 4500 junge Leute ausgebildet, seien es 2013 knapp 2300 bundesweit gewesen. Frölich: „Ein Traditionshandwerk zerfällt.“

Keiner wolle mehr auf den Knien Leitungen verlegen, körperlich anstrengend arbeiten oder in der Frühe in der Backstube stehen. 15 000 Lehrstellen seien 2013 bundesweit unbesetzt geblieben, berichtete Frölich und kündigte Image-Kampagnen des Zentralverbandes sowie der KH-Südniedersachsen an.

„Garantie für Ausbildung“

Die regional angelegte Kampagne zur Fachkräftesicherung im Handwerk solle im Frühjahr 2015 starten. Eine „Garantie für Ausbildung“, wie sie in Meckenheim jungen Leuten gegeben werde, bezeichnete der Rosdorfer als „phantastisches Projekt“.

Mittelstand definiert jeder anders. Ralph Brinkhaus definiert Mittelstand über Menschen, die großen Freiheits-, Leistungs- und Gestaltungswillen haben. An den drei Begriffen wollte sich der stellvertretende Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion „abarbeiten“.

Brinkhaus, der gestern die Morgensprache hielt, widmete sich der Finanz- und Wirtschaftspolitik und der Frage, ob diese wirklich mittelstandsfeindlich sei. Viele Rechtsvorgaben und Regulierungen sind für den Politiker „Reflex dessen, was Menschen erwarten“.

Zwei ausgezeichnete Gesellen

Zum „völlig überzogenen“ Brandschutz fragte Brinkhaus: „Was passiert, wenn es dann wirklich brennt?“ So kreiere man Bürokratie. Aufgabe mittelstandsfreundlicher Politik sei es, auszubalancieren. Was ist noch vernünftig, einfach, gerecht? Wichtig sei es bei allen Entscheidungen, „den Menschen zu sagen, wo wir hinwollen“, betonte der Unionspolitiker in Göttingen.

Zur etwas anderen Gildenwahl unter neuer Regie stellte Kreishandwerksmeister Frölich zwei ausgezeichnete Gesellen vor. Der Kammer- und Landessieger Arne Ortgies präsentierte sein Gesellenstück, einen Mauerpfeiler aus rotem Wesersandstein.

Maler und Lackierer Maximilian Mengel (21) erläuterte den Besuchern der Gildenwahl sein Meisterstück, ein fernöstliches Design eines Wohnungsneubaus. Mit seiner Kreation aus Farben und neuen Techniken wurde er Innungsbester und zweiter Kammersieger.

► Kommentar: Blick übern Tellerrand

Der erste Montag nach Michaelis gehört dem Handwerk. Seit Jahrhunderten wird in Göttingen die Gildenwahl bei Speckkuchen, Göttinger Bier und Korn gefeiert. So auch gestern geschehen. Eine schöne Tradition, die hoffentlich noch lange währt.

Zweifel indes können kommen angesichts der Tatsache, dass nur noch jeder zweite Jugendliche im Handwerk arbeiten will. Junge Leute wollen nicht um 3 Uhr in der Backstube stehen, nicht einmal, wenn man sie mit Handy-Vertrag oder Führerschein überzeugen will.

Nicht nur die Bäcker, das gesamte Handwerk hat ein Imageproblem. Der ständige Angriff auf den Meisterbrief erschwert die Situation zusätzlich, wie die Erfahrung aus der Sanitär- und Heizungsbranche zeigt. Kein Meisterzwang seit 2004, dafür Scheinselbstständigkeiten, Schwarzarbeit, Ein-Mann-Betriebe en masse, vor allem aber die Halbierung der Lehrlingszahlen.

Keine Lehrlinge, keine Gesellen und dann der demographische Wandel, dessen Folgen alle Wirtschaftszweige treffen. Wie groß die Not ist, weiß der Zentralverband des Deutschen Handwerks. Er investiert in den kommenden fünf Jahren 50 Mio. Euro in eine bundesweite Imagekampagne.

Während das Handwerk um seine Zukunft bangt, steigt die Zahl der Studienabbrecher. Hier sind neue Wege gefragt und der Blick über den Tellerrand. Es geht nicht um ein Branchendilemma, es geht um ein gesellschaftliches Problem.

 

517. Göttinger Gildentag und Gildenwahl im Alten Rathaus. ©Theodoro da Silva

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