Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Die Schuhmacher-Innung steht vor der Auflösung

Einst 200, jetzt nur noch zwei Die Schuhmacher-Innung steht vor der Auflösung

Die Schumacher-Zunft wurde im frühen 14. Jahrhundert gegründet und ist damit die älteste Zunft der Stadt. Jahrhundertelang war sie eine der einflussreichsten und mitgliederstärksten – in den 1920 Jahren gehörten ihr gar über 200 Betriebe an. Heute zählt die Schuster-Innung gerade noch zwei.

Voriger Artikel
Interview mit Justus Felix Wehmer Geschäftsführer Microscopy von Zeiss
Nächster Artikel
Vom stillen Sterben des Töpferhandwerks

Schuster Bernd Schutte ist eines der zwei verbliebenen Schuster-Innungsmitgliedern.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. „Wenn ich einkaufen gehe, besuche ich gelegentlich meinen Innungskollegen Bernd Schutte und wir halten ein Schwätzchen.“

So beschreibt Karl-Heinz Proffen die Aktivitäten der einst so umtriebigen Berufsstandsvertretung. Dem Obermeister bereitet sein Amt fast keine Arbeit mehr, es fehlen die Betriebe, um die Innung mit Leben zu füllen.

Die Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen halte den Fortbestand solch kleiner Innungen für wenig sinnvoll, so die Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen. Im ersten Quartal 2016 steht die nächste Hauptversammlung an. Erfolgt dann die Zwangsauflösung?

Proffen gibt sich gelassen. Der 66-Jährige hat vor drei Jahren seinen Betrieb geschlossen. Für den Sprössling einer alteingesessenen Schuhmacherfamilie, der eigentlich Schauspieler werden wollte und trotzdem, aus Pflichtgefühl, zwei Meistertitel, den Schuhtechniker-Abschluss sowie ein BWL-Diplom erwarb und seit 1986 das Amt des Obermeisters innehat, war das Handwerk immer mehr Beruf denn Berufung. Für Schutte gilt das nicht.

Der 52-Jährige übt seinen Beruf mit „Liebe und Leidenschaft“ aus, wie er sagt – und zwar seit 32 Jahren am gleichen Fleckchen Erde, genauer gesagt auf zwölf Quadratmetern in einer winzigen Werkstatt im Gebäude des „Real“-Supermarkts am Lutteranger.

Nach Lehre und Wehrdienst fing er dort als 20-jähriger Geselle an, machte später seinen Meister und kaufte seinem Arbeitgeber – der übrigens Proffen hieß – die Werkstatt schließlich ab. Dass er vom Schuhreparatur-Geschäft allein nicht mehr leben kann, empfindet er nicht als Problem: „Ich habe zusätzlich einen Schlüsseldienst, Lederwaren sowie Schuhpflegemittel – man muss flexibel sein.“

Schutte will nicht akzeptieren, dass die Innung aufgelöst wird. Vom alten Handwerk gehe sowieso schon zu viel verloren, da soll zumindest diese Tradition nicht wegfallen. Seine Hoffnung: „Dass sich mehr Kollegen der Innung anschließen.“

Mehmet Degirmenci hat bereits angekündigt, das zu tun. Der 58-Jährige betont, dass Handwerk etwas sehr Kostbares sei: „Die Leute reden immer von Google und Facebook, aber das Internet kann keinen Absatz reparieren.“ Und auch Rüdiger Jaeb, 52, der die Innung verließ, als 2004 der Meisterzwang wegfiel, kann sich eine Rückkehr vorstellen: „Dann muss die Innung aber wieder mehr für uns Meister tun.“

Dass eine bevorstehende Zwangsauflösung wahre Wunder bewirken kann, zeigt sich an der Glasinstrumentenmacher-Innung: Als ihr die Handwerkskammer 2014 das Aus androhte, rafften sich die betroffenen Betriebe auf und die Innung erwachte zu neuem Leben.

So ist das Handwerk organisiert

Das Pendant zur Industrie- und Handelskammer Hannover bildet im Handwerk die Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen.

Hier sind alle Betriebe eines zulassungspflichtigen Handwerks in der sogenannten Handwerksrolle verzeichnet, jeder Betrieb im Kammerbezirk ist Zwangsmitglied und finanziert die Kammerarbeit über Mitgliedsbeiträge.

Unterhalb der Handwerkskammer existieren in den Landkreisen sogenannte Kreishandwerkerschaften: Hier können die ortsansässigen Handwerksbetriebe  Mitglied werden, müssen es aber nicht.

Die Mitgliedsunternehmen organisieren sich in branchenspezifischen Innungen – Tischler, Friseure, Bäcker etc. Jede Innung hat eine Selbstverwaltung, zu der ein in der Regel dreiköpfiger Vorstand sowie je nach Satzung verschiedene Ausschüsse gehören.  Eine Innung ist eine Körperschaft öffentlichen Rechts und hat damit zum Beispiel den staatlichen Auftrag, Prüfungen abzunehmen. Jede Innung legt auch die Höhe der Mitgliedsbeiträge fest.

Alle Innungen bilden dann die Kreishandwerkerschaft und finanzieren deren Geschäftsstelle. Die wiederum übernimmt die Aufgabe eines Vertreters des Handwerks nach außen und eines Dienstleisters nach innen, etwa eine Rechtsberatung oder die Inkassostelle, die offene Rechnungen eintreibt.

Der Organisationsgrad ist je nach Innung sehr unterschiedlich. Während Friseur- und Kfz-Innung über 70 Mitglieder haben, liegen andere bereits unter zehn. Die Abschaffung des Meisterzwangs in einigen Berufen hat ebenfalls zu einer Veränderung geführt: Die Zahl der soloselbständigen Betriebe ist explodiert, aber diese werden selten Innungs-Mitglieder.

Die Zahl der Innungsmitglieder sagt daher nur bedingt etwas über die Zahl der Betriebe aus. Jedoch: Laut Handwerksrolle sind insgesamt noch vier Töpferbetriebe in den Landkreisen Göttingen, Northeim und Osterode eingetragen – alle in Northeim. Bei den Schusterbetrieben sind es in Stadt und Landkreis Göttingen noch insgesamt zwölf.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
DAX
Chart
DAX 11.236,50 +0,29%
TecDAX 1.756,50 +0,18%
EUR/USD 1,0562 ±0,00%

Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation

Aktien Tops & Flops

FMC 77,20 +3,47%
FRESENIUS... 69,87 +2,31%
BEIERSDORF 78,43 +1,86%
DT. BANK 17,32 -3,34%
THYSSENKRUPP 23,48 -2,44%
INFINEON 16,20 -1,12%

Wertpapiersuche

Wechselkurse interaktiv

Weltkarte

Fonds Top Performer 3 Jahre

Fondsname FA Perf. 3J.
Structured Solutio AF 170,60%
Crocodile Capital MF 121,61%
Polar Capital Fund AF 106,75%
Fidelity Funds Glo AF 100,02%
Morgan Stanley Inv AF 96,13%

mehr

Wirtschaft Rubriken
Rubriken Wirtschaft Göttingen und die Welt