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Zulasten von Beschäftigten und Patienten

Interview über Bedingungen in Krankenhäusern Zulasten von Beschäftigten und Patienten

Julia Niekamp ist seit 2011 in der Region als Gewerkschaftssekretärin für das Gesundheitswesen bei ver.di tätig. Im Interview spricht sie über Gewinnmaximimierung in Krankenhäusern und die Folgen für Beschäftigte und Patienten.

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Die Gewerkschaft Verdi kritisiert schon länger die Bedingungen in Krankenhäusern.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Tageblatt: Sie haben in Südniedersachsen bereits drei Krankenhausinsolvenzen begleitet – Uslar und Einbeck 2012 sowie Hann. Münden 2015. Worin ähneln sich die Fälle?

Niekamp: Ganz allgemein darin, dass die Rahmenbedingungen insbesondere für kleine Krankenhäuser immer schwieriger werden. Bei allen drei war aber zentral, dass es über Jahre ein ungestörtes Missmanagement der Geschäftsführungen gegeben hat. Das zeigen beauftragte Gutachten. Dass dieses Managementversagen nicht früher deutlich wurde, hängt auch damit zusammen, dass die Betriebsräte keinen Einblick in die wirtschaftliche Lage der Häuser hatten. Hier sind bessere Informationsrechte der Betriebsräte nötig.

Die Krankenhauslandschaft ist hoch reguliert, werden Gewinne im Wesentlichen über Personalkosten realisiert?

Aus betriebswirtschaftlicher Logik sind Mitarbeiter Kostenverursacher, der Personalkostenanteil liegt meist bei ca. 70 Prozent. Aus diesem Blickwinkel ist der ärztliche Bereich aufgrund des Fallpauschalensystems der Gewinnbringer im Krankenhaus. In den letzten gut 15 Jahren hat es daher einen massiven Stellenabbau in Krankenhäusern gegeben – bundesweit etwa 100000 Vollzeitstellen, die Zahl der Ärzte allerdings ist gestiegen. Personalkosten hingegen, die durch eine gute Personalausstattung in der Pflege oder auch der Reinigung und Hygiene entstehen, werden im derzeitigen Refinanzierungssystem der Krankenhäuser nicht annähernd ausreichend refinanziert – und schmälern den Profit.

Wie wirkt sich das auf die Arbeitsbedingungen aus?

Unabhängig vom Betreiber ist überall die Personaldecke zu dünn, ein planbares Freizeit- und Familienleben oft nicht möglich, Beschäftige werden ständig aus dem Frei geholt. Gesetze zum Schutz der Beschäftigtengesundheit werden unter dem Kostendruck jeden Tag gebrochen. Das hat Folgen für Patienten und Heimbewohner. Das „Soziale“ im Gesundheitssystem kommt aber von den Beschäftigten. Die sind unglaublich leidensbereit, weil sie wissen, dass Patienten von ihnen abhängig sind. Das wird von Arbeitgebern durchaus einkalkuliert. Bundesweit fehlen rund 160000 Stellen in Krankenhäusern. Das führt zu Raubbau an der Gesundheit der Beschäftigten.

Welche Handlungsmöglichkeiten hat das Land?

Das Land will jetzt stärker seiner Verpflichtung nachkommen, die Investitionskosten zu übernehmen. Es gibt einen hohen Sanierungsstau. Für Südniedersachsen wird jedoch weiterhin eine zu hohe Bettenzahl angenommen. Da müsste das Land klar sagen, was es will. Wenn es um Arbeitsplatzerhalt im ländlichen Raum und attraktive Wohnorte geht, braucht man auch Krankenhäuser.

Aber wichtig sind vor allem verlässliche und gesundheitserhaltende Arbeitsbedingungen. Das heißt: mehr Personal. Das Land sollte sich im Bund für eine Wiedereinführung einer gesetzlichen Personalbemessung einsetzen, die es für kurze Zeit in den 90er-Jahren gegeben hat. Auch deren Refinanzierung muss geklärt werden. Dahinter steht auch eine Grundsatzfrage: Ist es richtig, unsere Patientenversorgung der Profitmaximierung zu überlassen? Und wir müssen viel grundlegender über eine andere Finanzierung des Gesundheitswesens reden.

Interview: Sven Grünewald

Fallpauschalen

Seit 2004 gilt in Deutschland das Fallpauschalensystem der Abrechnung von Krankenhausaufenthalten. Damit werden nicht mehr Aufenthaltsdauer oder einzelne medizinische Leistungen abgerechnet, sondern Behandlungsfälle. Die Berechnung der Pauschale ist kompliziert, darin fließen Aspekte wie Diagnose, Verweil- und Behandlungsdauer, Alter und Geschlecht des Patienten etc. ein. Ziele waren Preistransparenz und wirtschaftlicheres Handeln der Kliniken. Folgen der Fallpauschale untersuchte die REDIA-Studie: Patienten werden schneller und nicht austherapiert entlassen, höherer Aufwand in der Reha, Kostensteigerung. Statistisch zu beobachten ist ebenfalls ein Personalabbau in nicht-ärztlichen Bereichen und die Zunahme kostenintensiver OPs. Aktuell ist die Einführung eines Fallpauschalensystems für die Psychiatrie in der Diskussion.

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