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Mündener Klinikkauf: Die Alten sollen raus

Einseitiges Personalkonzept Mündener Klinikkauf: Die Alten sollen raus

Große Kritik am Verkauf des Nephrologischen Zentrums Niedersachsen (NZN) in Hann. Münden entzündet sich an der Sozialauswahl. Mitarbeiter zeigen, dass insbesondere ältere Kollegen und solche mit Schwerbehinderung entlassen werden sollen.

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Soziale Kälte im Personalkonzept des Investors für das Klinikum in Hann. Münden.

Quelle: Pförtner

Hann. Münden. Beispiel aus dem NZN, OP und Anästhesie. Hier haben bislang je sechs Schwestern gearbeitet, drei von ihnen müssen gehen, zwei sind Ende fünfzig, eine mit Behinderung, die andere mit Kind. Der einzig ältere, der bleiben darf, sitzt im Betriebsrat. Alle anderen sind teils deutlich jünger, einige kinderlos, einige Doppelverdiener.

 
Beispiel Endoskopie und Ambulanz: Von acht Mitarbeitern geht einer ohnehin in Rente, eine Mitarbeiterin mit Mitte fünfzig wird gekündigt – sie hat als einzige eine Schwerbehinderung und ist alleinstehend, während alle anderen verheiratet und Doppelverdiener seien; zwei Kollegen seien dabei deutlich jünger.

 
Auf einem Treffen mit dem Generalbevollmächtigten der Geschäftsführung der Klinik, Rainer Eckert, machten mehrere Mitarbeiter auf ihre Situation aufmerksam: „Wie sollen sich alleinstehende Leute mit 59 Jahren noch irgendwo bewerben? Die treiben Sie in den Ruin – und das ist ein großer Teil“, sagte eine. „Ich bin 63 Jahre alt und es fehlen mir mit der Kündigung noch sieben Monate bis zur Rente nach 45 Berufsjahren“, betonte eine andere. „Ich habe 70 Prozent Schwerbehinderung und muss für mich alleine sorgen“, so eine dritte Mitarbeiterin unter dem Applaus der Anwesenden.

 
Gleichzeitig seien mehrere Fälle bekanntgeworden, wo im Nachhinein Veränderungen auf der Namensliste der zu entlassenden Personen vorgenommen wurden – und zwar nach persönlicher Präferenz der Vorgesetzten.

 
Rainer Eckert machte deutlich, dass die Sozialauswahl dem Personalkonzept des Investors – eine Gruppe um Reinhard Wichels – geschuldet sei. Während es der Geschäftsführung um das Abfedern sozialer Härten ginge, sei der Investor an einer „ausgewogenen Personalstruktur“ interessiert. Man befinde sich jedoch in einer schwierigen Verhandlungsposition, so Eckert. Wechselten zudem nicht 95 Prozent der von Kündigung bedrohten Mitarbeiter in die Transfergesellschaft, stehe der Verkauf gänzlich infrage. Scheitere der, käme es zu deutlich härteren Einschnitten.

 
Dass jedoch das mit dem Investor ausgehandelte Personalkonzept nur bedingt den realen Bedarf abbildet, darauf weist ein besonderes Angebot an eine Schwester hin: Ihr sei von einem Betriebsrat gesagt worden, sie solle für einen Monat in die Transfergesellschaft gehen und sich dann wieder bewerben, „weil jetzt schon absehbar sei, dass das Personal wieder gebraucht wird.“

 
Das Land und der Landkreis Göttingen haben derweil ihre finanzielle Unterstützung für die Transfergesellschaft zugesagt. 600 000 Euro sollen für Wechselprämien zur Verfügung stehen, um Anreize für den Eintritt in die Transfergesellschaft zu geben. Die Frist für den Wechsel in diese Auffanggesellschaft läuft am Dienstag, 26. Januar, ab. sg

 

Kommentar: Bitteres öffentliches Geld

Sven Grünewald

Quelle:

Es ist absolut zu begrüßen, dass sich Landkreis und Land mit Geld dafür einsetzen, dass die Übernahme der Mündener Kliniken gelingt und ein Krankenhaus am Standort erhalten bleibt. Aber es ist auch ein Signal mit bitterem Nachgeschmack.

 
Denn gleichzeitig wird mit öffentlichem Geld ein Anreiz gesetzt, dass genügend Mitarbeiter auf ihr Kündigungsschutzklagerecht verzichten und der Kauf zustande kommen kann. Damit wird das Personalkonzept des Investors unterstützt, der allem Anschein nach insbesondere die Leute loswerden will, die auf teuren Arbeitsverträgen sitzen, die alt sind, die eine Behinderung haben, die alleinstehend sind oder Kinder versorgen müssen – und oft auch mehreres davon gleichzeitig. Öffentliches Geld hilft, die besonders Rücksichtsbedürftigen, die mit wirklich schlechten Karten auf dem Arbeitsmarkt, loszuwerden.

 
Dass so etwas nötig ist, um medizinische Infrastruktur zu erhalten, zeigt nur, wie grundlegend reformbedürftig das Gesundheitssystem ist.

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