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Vom stillen Sterben des Töpferhandwerks

Industrie fertigt Topf, Schüssel und Tasse für einen Bruchteil der Kosten Vom stillen Sterben des Töpferhandwerks

„Es ist schwer geworden, sich von diesem Beruf zu ernähren“, meint die selbstständige Töpferin Jasmin Janker aus Reiffenhausen. Vor drei Jahren hat sich die Handwerkerin, die ihre Lehre Ende der 90er-Jahre in Einbeck absolviert hat, einen Zweitjob als Gärtnerin gesucht.

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Jasmin Janker ist hauptberuflich Töpferin, aber der Markt ist schwierig. 

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Das Töpfern, von dessen stolzer Göttinger Tradition reich dekorierte Keramik aus dem Spätmittelalter zeugt, wird wohl weiter an Bedeutung verlieren, erwartet Janker.

Jüngster Tiefpunkt ist die diesjährige Auflösung der Töpfer-Innung Niedersachsen, die ihren Sitz in der Unistadt hatte. Die Zahl der Innungsbetriebe war von 20 Firmen im Jahr 1996 auf zuletzt drei gesunken. „Wir konnten die Vorstandsämter und den Prüfungsausschuss nicht mehr besetzen“, berichtet Sabine Heuer von der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen. Mit der Übersiedelung von Obermeister Horst Pint, der das Amt seit 1996 innehatte, nach Schwerin kam das Aus.

Töpfer allerdings gibt es nach wie vor. In der Region bestehen, befördert durch die Aufhebung des Meisterzwangs 2004, eine Reihe von Kleinbetrieben. Sie sind allerdings nicht in der Innung organisiert gewesen. „Die Mitgliedschaft hat sich für mich nicht gerechnet“, erklärt etwa Johannes Klett-Drechsel, der mit Frau und Tochter im Töpferdorf Fredelsloh eine Kunsttöpferei mit Keramikmuseum und Café betreibt.

Der Niedergang des Töpferhandwerks setzte bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. „Mit der Gründung von Molkereien brach der Umsatz mit einem Schlag drastisch ein, da die Bauern keine Tonschüsseln mehr für die Herstellung von Butter und Käse benötigten“, erklärt Klett-Drechsel. Vorratsbehälter waren nun aus Emaille, das in den 1960er-Jahren dann seinerseits durch Kunststoffe verdrängt wurde.

„Die Töpfereien produzierten im 19. Jahrhundert noch Geschirr für die Landbevölkerung“, so Klett-Drechsel. Die Städter hätten damals bereits Porzellan bevorzugt. Heute macht Industrieware den Handwerkern das Leben schwer. Wer eine Industrietasse für 50 Cent kaufen kann, muss das Individuelle schon sehr lieben, um bei Janker 15 Euro zu bezahlen.

Als Konkurrenz erleben die Handwerker zudem die Hobbytöpfer, die sich ihre Kenntnisse in Kursen erwerben. Einige bieten ihre Produkte auf Märkten an. Volker List, der mit der Bunzlauer Handtöpferei in Fredelsloh einen der letzten großen Betriebe seiner Art in Niedersachsen betreibt, weigert sich daher, solche Kurse anzubieten.

Auch List, der 1986 die Göttinger Töpferin Eva Kumpmann als Obermeister ablöste, hat zu kämpfen. „2002, als wir 100-jähriges Betriebsjubiläum feierten, waren wir noch gut 20 Mitarbeiter“, sagt er. Heute sind es sieben. Dabei ist List umtriebig. „Unser gut laufender Onlineshop sichert zwei Stellen“, sagt er. Mit Urnen oder der Auftragsfertigung von Schnapsbechern hat er sich neue Geschäftsfelder erschlossen. Seine beiden Kinder wählten jedoch andere Berufe.

Von Michael Caspar

So ist das Handwerk organisiert

Das Pendant zur Industrie- und Handelskammer Hannover bildet im Handwerk die Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen.

Hier sind alle Betriebe eines zulassungspflichtigen Handwerks in der sogenannten Handwerksrolle verzeichnet, jeder Betrieb im Kammerbezirk ist Zwangsmitglied und finanziert die Kammerarbeit über Mitgliedsbeiträge.

Unterhalb der Handwerkskammer existieren in den Landkreisen sogenannte Kreishandwerkerschaften: Hier können die ortsansässigen Handwerksbetriebe  Mitglied werden, müssen es aber nicht.

Die Mitgliedsunternehmen organisieren sich in branchenspezifischen Innungen – Tischler, Friseure, Bäcker etc. Jede Innung hat eine Selbstverwaltung, zu der ein in der Regel dreiköpfiger Vorstand sowie je nach Satzung verschiedene Ausschüsse gehören.  Eine Innung ist eine Körperschaft öffentlichen Rechts und hat damit zum Beispiel den staatlichen Auftrag, Prüfungen abzunehmen. Jede Innung legt auch die Höhe der Mitgliedsbeiträge fest.

Alle Innungen bilden dann die Kreishandwerkerschaft und finanzieren deren Geschäftsstelle. Die wiederum übernimmt die Aufgabe eines Vertreters des Handwerks nach außen und eines Dienstleisters nach innen, etwa eine Rechtsberatung oder die Inkassostelle, die offene Rechnungen eintreibt.

Der Organisationsgrad ist je nach Innung sehr unterschiedlich. Während Friseur- und Kfz-Innung über 70 Mitglieder haben, liegen andere bereits unter zehn. Die Abschaffung des Meisterzwangs in einigen Berufen hat ebenfalls zu einer Veränderung geführt: Die Zahl der soloselbständigen Betriebe ist explodiert, aber diese werden selten Innungs-Mitglieder.

Die Zahl der Innungsmitglieder sagt daher nur bedingt etwas über die Zahl der Betriebe aus. Jedoch: Laut Handwerksrolle sind insgesamt noch vier Töpferbetriebe in den Landkreisen Göttingen, Northeim und Osterode eingetragen – alle in Northeim. Bei den Schusterbetrieben sind es in Stadt und Landkreis Göttingen noch insgesamt zwölf.

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