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Der Bahnstreik und die Folgen für Göttingen

Bahnhofsgeschäfte erwarten Einbußen Der Bahnstreik und die Folgen für Göttingen

Ab Donnerstagmorgen um 2 Uhr wird die Bahn für vier Tage bestreikt, seit Mittwoch bereits der Güterverkehr. Das hat vielfache Auswirkungen – auch in Göttingen.

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Ausgebucht: Mietwagen sind in Göttingen schwer zu  bekommen.

Quelle: Hinzman

Göttingen. ►  Mietwagen : Schon am Mittwochmittag waren die meisten Anbieter ausgebucht. „Das Telefon steht nicht still“, meinte Verena Teufel von Europcar in der Groner Landstraße. Am Freitag gebe es noch ein paar Fahrzeuge, „und am Wochenende sieht es noch einigermaßen gut aus“. Sixt hatte nur noch Autos der gehobenen oder der Luxusklasse im Angebot. Kleinwagen gab es in der Nähe nur noch in Kassel und am Flughafen Calden.

 Bahnhofsgeschäfte : Während die Mietwagenfirmen gute Geschäfte machen, sieht es bei den Läden im Göttinger Bahnhof ganz anders aus. In der Schmitt und Hahn-Bahnhofsbuchhandlung falle der Umsatzrückgang zu Streikzeiten „heftig“ aus, sagt Filialleiter Thomas Goretzky.

Auch im Spar-Lebensmittelladen ist bei längerem Streik fast nichts los, sagt eine Mitarbeiterin. Differenzierter die Situation beim Asia-Imbiss Mai-Mai. Bei sehr kurzfristig anberaumten Streiks steige der Umsatz, bei längeren Streiks bricht er zusammen, sagt Mai-Mai-Mann Kien Bui.

 Reisebüros : Reisende, die ihr Flugzeug mit der Bahn erreichen möchten, sind oft unsicher, welche Rechte sie bei der Rückgabe von Rail&Fly-Tickets haben. Wurde das Bahnticket zum Flug bei einem Reisebüro gekauft, erstattet dieses die Kosten vollständig, erklärt Johanna Schäfer von STA Travel in Göttingen.

Anders sehe es aus, wenn das Zugticket als kostenlose Zusatzleistung im Flugticket enthalten sei. „Hier gibt es keine Möglichkeit, eine Entschädigung zu erhalten“, sagt Claudia Glembotzki vom TUI-Reisecenter im Kaufpark. Das STA Travel hat alle betroffenen Kunden im Vorfeld angeschrieben und informiert. „Dennoch gibt es noch einige Anrufe zu dem Thema Streik“, sagt Schäfer.

 Unternehmen : Die Produktion der KWS Saat AG in Einbeck ist zwar laut Henning von der Ohe, verantwortlich für Unternehmensentwicklung und Kommunikation, nicht unmittelbar vom Lokführerstreik betroffen. Dafür aber viele Pendler, die dort die Woche über arbeiten und wohnen und am Wochenende zu ihrem weiter entfernten Hauptwohnsitz fahren wollen. Die müssten jetzt auf das Auto umsteigen.

Möglicherweise schafften sie es dann am Montag nicht, pünktlich zu Dienstbeginn zurück zu sein, sagt von der Ohe. Der Streik habe unmittelbar erst mal keine Auswirkungen auf die Leistungen der Spedition Zufall, sagt Niederlassungsleiter Jörg Rotthowe. Da sich aber der Verkehr von der Schiene auf die Straße verlagere, könne es zu Staus kommen – was problematisch für den Langstreckenverkehr werden könnte.

 Fernbusse : Wer als Alternative zur Bahn in einen der Fernbusse umsteigen möchte, sollte schnell sein Ticket buchen, denn am Mittwochnachmittag waren über die Online-Buchungsportale der Unternehmen nicht mehr für alle Strecken und Zeiten Plätze zu bekommen. Am Mittwoch um 15 Uhr waren beispielsweise für den Reisetag Freitag, 7. November, für die Strecke Göttingen-Berlin bei Mein Fernbus nur noch Tickets für die Fahrt um 7.30 Uhr zu bekommen.

Weiteres Beispiel: Für die Strecke Hamburg-Göttingen setzt Flixbus am Sonnabend, 8. November, zur Hauptreisezeit mit Abfahrt um 11.15 Uhr zwei Busse ein. Kurios: die Sitzplätze kosten bei beiden Fahrten unterschiedlich viel. Übrigens macht sich die steigende Nachfrage bei den Busunternehmen in höheren Preisen bemerkbar.

Fluch und Verständnis

Viele Pendler sind vom Bahnstreik betroffen, einige sind genervt, einige haben Verständnis. Was sagen Göttinger Reisende? Landtagsvizepräsidentin Gabriele Andretta (SPD) pendelt nach Hannover:  „Termine sind Termine, also heißt es jetzt statt mit dem ICE mit Metronom zu fahren und die längere Fahrzeit zum Arbeiten zu nutzen“, sagt sie.

Der Streik der GDL treffe die Bahnkunden natürlich hart. „Doch als Gewerkschafterin weiß ich, das Streikrecht ist ein hohes Gut, das es zu verteidigen gilt – auch wenn ich die nächsten Tage am Bahnsteig fluchen werde.“

Polizeipräsident Robert Kruse ist bereits am Mittwoch mit dem Auto gekommen, weil er einen Abendtermin hatte und nicht sicher sein konnte, es dann auch zurück nach Lüneburg zu schaffen. Je eineinhalb Stunden pro Strecke fährt er täglich Bahn. Immerhin könne er im ICE arbeiten; im Auto gehe das nicht.

Deshalb hat sich der Polizeipräsident bis zum Wochenende in einem Göttinger Hotel einquartiert. Verständnis für Arbeitskampfmaßnahmen habe er, sagt er, aber jetzt sei er „doch etwas angesäuert“. Es entstehe der Eindruck, als gehe es nur um einen Machtkampf der Gewerkschaft.

Auch Landes-Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) weicht während des Streiks auf seinem Weg von Groß Lengden nach Hannover auf den Metronom oder das Auto aus. „Am Donnerstag habe ich Termine in Berlin und bleibe dort. Ich hoffe, dass man sich dann geeinigt hat.“

Bahnstreik als Entschuldigung

Thomas Smollich, Präsident des Verwaltungsgerichts, der täglich von Hannover auseinpendelt, hat sich schon mit dem Notfahrplan vertraut gemacht. „Man muss die Bahn auch mal loben“, sagt er. „Wer will, kann sich schon jetzt informieren.“ Einer von mindestens drei ICE stündlich fahre ja. Da komme er also zur Arbeit, müsse zur Not eben einmal stehen.

Für Prozesse allerdings, so Smollich, bedeute der Bahnstreik: „Wenn ein Beteiligter zu einem Verhandlungstermin nicht kommt, gilt der Bahnstreik als Entschuldigung.“ Dann müsse neu terminiert werden.

Thomas Jungbluth, Professor an der Universität Hohenheim, steht am Göttinger Bahnhof und ärgert sich. „Die GDL übertreibt es. Das ist ein reines Machtspielchen. In solchen Streikphasen müssen manchmal sogar Prüfungen verschoben werden, weil die Studenten nicht zur Uni kommen können“, berichtet er, während er auf seinen verspäteten Zug wartet.

Der Krankenpfleger Mohammed Bennajen (32) wohnt in Osterode und arbeitet in Göttingen. Er wusste nichts von dem Streik und ist schockiert. „Das sind doch keine Piloten. Jetzt muss ich mir überlegen, wie ich zur Arbeit komme“, klagt er. Die Studentin Catharina (21), die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, wohnt in Göttingen und will ihre Familie am Wochenende in Bremen besuchen:

„Mein Seminar in Braunschweig wurde wegen des Streikes verschoben, und so muss ich direkt aus Göttingen statt aus Braunschweig mit dem Metronom nach Bremen. Zurück muss ich dann mit dem Flixbus fahren, obwohl ich ein Semesterticket habe“.

Von Andreas Fuhrmann, Matthias Heinzel, Jonas Rohde und Britta Eichner-Ramm

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