Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Kommentar: Klein gegen Groß

Konflikt zwischen den Gewerkschaften Kommentar: Klein gegen Groß

5 Prozent mehr Lohn, 37-Stunden-Woche plus bessere Schichtpläne – die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) verlangt viel. Es ist jedoch normales Tarifgeschäft, dass eine Gewerkschaft zunächst mit Maximalforderungen in die Verhandlungen geht.

Voriger Artikel
Diese Rechte haben Fahrgäste
Nächster Artikel
Bahnstreik legt Göttinger Bahnhof lahm
Quelle: Surrey

 Was die aktuelle Tarifrunde so besonders macht, ist etwas anderes: Die GDL will vor allem durchsetzen, dass sie künftig auch Zugbegleiter und Rangierführer tariflich vertreten darf. Darüber streitet sie nicht mit der Bahn, sondern mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Es geht um einen Machtkampf zwischen Gewerkschaften.

Die GDL ist mit 34 000 Mitgliedern eine kleine Gewerkschaft, aber auch sie darf streiken, das hat das Bundesarbeitsgericht schon 2010 klargestellt. Weil die GDL einen Schlüsselberuf vertritt, ist sie allerdings besonders mächtig. Und GDL-Chef Claus Weselsky hat deutlich gemacht, dass er diese Macht nutzen will: „Wir werden durchstreiken bis zum Ende“, tönt er mit zweifelhafter Wortwahl.

Man kann sich ärgern über die Macht der kleinen Gewerkschaften. Arbeitsministerin Andrea Nahles bereitet bereits ein Gesetz vor, das die Tarifeinheit wiederherstellen soll: Demnach soll nur die größte Gewerkschaft in einem Betrieb Tarifverträge abschließen können. Das würde den Kleinen das in der Verfassung garantierte Streikrecht wieder wegnehmen. Die Bahn spielt deshalb jetzt auf Zeit.

Bis das neue Gesetz steht, wird niemand ernsthaft verhandeln

Sie hat der GDL 2 Prozent mehr Lohn angeboten, wenn der Tarifstreit ausgesetzt wird, bis das neue Gesetz die Tarifeinheit regelt. Im Grunde wollen die Bahnchefs, dass die GDL sich still verhält, bis sie sich am Ende auflösen muss, weil sie nicht mehr streiken darf – und für Mitglieder wertlos ist. Der Vorschlag der Bahnführung zeigt, dass die Bahn derzeit ebenso wenig ernsthaft verhandelt wie die GDL.

Auf jeden Fall wird Nahles’ Gesetz vor dem Bundesverfassungsgericht landen. Die Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund hat bereits eine Klage angekündigt. Bis Karlsruhe entscheidet, können Jahre vergehen. Am Ende wird es darum gehen, ob die drohende Zersplitterung der Tariflandschaft rechtens ist.

Wenn ja, wäre der nächste Schritt ein gesetzlich geregeltes Arbeitskampfrecht – bisher gibt es nur Vorgaben, die statt vom Bundestag fast ausschließlich durch Arbeitsgerichtsurteile definiert werden. Ein Gesetz könnte verhindern, dass die Mini-Gewerkschaften unsolidarisch die dicksten Lohnerhöhungen erzwingen. Und es könnte Unternehmen, die sich gleich mit mehreren Gewerkschaften herumschlagen müssen, vor permanenten Arbeitskämpfen schützen. Zumindest in Bereichen der Daseinsvorsorge könnte dies möglich sein, ohne das Streikrecht zu stark einzuschränken.

Bahnfahrern nützt das jetzt nichts. Sie sind die Opfer eines knallharten Verdrängungswettbewerbs zwischen zwei Gewerkschaften. Mit einem legitimen Arbeitskampf hat das wenig zu tun.

Von Udo Harms

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Wirtschaft Rubriken
Rubriken Wirtschaft Göttingen und die Welt