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Streikender Lokführer: 50 bis 60 Wochenstunden sind bei uns Alltag

Interview Streikender Lokführer: 50 bis 60 Wochenstunden sind bei uns Alltag

Seit Wochen stehen die streikenden Lokführer der GDL in der Kritik. Johannes Montag ist einer von ihnen. Im Interview prangert er die Arbeitsbedingungen bei der Deutschen Bahn an - und wirbt um Verständnis.

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Quelle: dpa (Symbolfoto)

Hamburg. Rekordstreik, Zugausfälle, Eilverfahren - der Tarifstreit zwischen der Lokführergewerkschaft GDL und der Deutschen Bahn bestimmt die Schlagzeilen. Der Hamburger Lokführer Johannes Montag (29) erklärt im dpa-Interview, warum er trotz harscher öffentlicher Kritik mitstreikt.

Herr Montag, warum streiken Sie?
Weil wir unter Arbeitsbedingungen arbeiten, die auf Dauer nicht ertragbar sind. In den letzten fünf Monaten habe ich 130 Überstunden angesammelt. Ich arbeite drei Wochenenden im Monat, gesetzliche Feiertage spielen keine Rolle. Der personelle Engpass ist zu groß, um alles, was geleistet werden muss, noch vernünftig zu erledigen. 50 bis 60 Stunden die Woche sind bei uns Alltag.

Viele Bahnfahrer werfen den Lokführern Verantwortungslosigkeit vor. Trifft Sie das?
 Die Reisenden erwarten Verständnis dafür, dass wir ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Das habe ich. Sie sollen aber auch Verständnis für uns haben. In den Köpfen vieler Menschen existieren wir als Lokführer gar nicht mehr - die Bahn fährt einfach. Es interessiert doch keinen, wer vorne sitzt und was er fühlt. Ich mache meinen Job von Herzen gern, aber das allein reicht nicht.

Hat Sie die öffentliche Meinung überrascht?
Ich hätte nicht gedacht, dass der Arbeitskampf so ausartet. Es ist schade, dass viele Medien eine abartige Diskussionsgrundlage liefern. Bei einigen Artikeln habe ich mich schon gefragt: Wie darf so was sein? Raffgierige, niemals satte Lokführer - so ist es nicht! Wir stehen auch nicht gern draußen, um zu boykottieren.

Die GDL legt großen Wert darauf, auch die Zugbegleiter zu vertreten. Verstehen Sie als Lokführer das noch?
Die Kernthemen wie Arbeitszeit und Gehalt bleiben ja. Aber das Bild wird verrückt - als gehe es nur noch um die Zugbegleiter. Daran scheitert alles. Viele Zugbegleiter sind schon in der GDL, wir dürfen sie nur nicht in Tarifverhandlungen vertreten. Es geht nicht darum, Mitglieder von anderen Gewerkschaften abzuwerben.

Finanziell ist der Streik für Sie eine Belastung, pro Streiktag zahlt die GDL maximal 50 Euro.
Klar habe ich mir darüber schon Gedanken gemacht. Es gibt Kollegen, die sind wirklich auf das Geld angewiesen. Aber darauf waren wir vorbereitet.

Wenn Ihnen jemand sagt "Ich musste wegen des Streiks umbuchen, mein Wochenende ist ruiniert" - wie erklären Sie ihm Ihre Position?
Ich würde ihm sagen, dass der Streik trotzdem wichtig ist, weil der Zeitraum mit Blick auf das Arbeitsverhältnis so lang nicht ist. Ja, es sind einige Wochen Stress. Aber die geben uns die Möglichkeit, einen Tarifvertrag für mehrere Jahre zu bekommen. Die Bahn ist eine wichtige Verkehrsader und das soll so bleiben - aber so wie jetzt wird es nicht länger funktionieren.

Das Interview führte Christopher Weckwerth, dpa

 
Zur Person
  Johannes Montag (29) fährt als Lokführer seit 2010 für die Deutsche Bahn quer durch Deutschland. Als Mitglied der Gewerkschaft GDL kämpft der Hamburger für bessere Arbeitsbedingungen.

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