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Fit-in-Göttingen „Sie machen alle gut mit, auch wenn sie manchmal stöhnen“
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„Sie machen alle gut mit, auch wenn sie manchmal stöhnen“

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11:17 05.07.2021
Alexander Katt und Sandra Strong bieten beim Nikolausberger SC Gymnastik für alle Altersstufen an.
Alexander Katt und Sandra Strong bieten beim Nikolausberger SC Gymnastik für alle Altersstufen an. Quelle: Swen Pförtner
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Es ist 20.30 Uhr am Donnerstagabend, als fünf Mitglieder des TSV Herberhausen in der Herberhäuser Turnhalle ihr Sportprogramm starten. Neben ihnen tönt Musik aus dem Stereoplayer. Stereotype aber sucht man vergeblich. Denn die fünf Männer messen sich nicht im Kampfsport oder Fußball, sondern sie betreiben – Gymnastik.

Das Quintett reckt die Arme in die Höhe, die Beine zur Seite und setzt aufmerksam die Anweisungen von Trainerin Gabi Mitteneder um. Es dauert nicht lange, schon nimmt die Intensität zu – und folglich auch die Herzschlagfrequenz.

„Unser Ziel ist es nicht, Massen an Muskeln aufzubauen, sondern fit und beweglich zu bleiben“, sagt Thomas Klawunn und bilanziert: „Seit wir Gymnastik machen, geht es uns viel besser.“ An die Anfänge der Männer-Gymnastik-Gruppe vor mehr als einem Jahrzehnt erinnere er sich gut. „Wir sind belächelt worden. Aber inzwischen ist das Ganze komplett in der Gesellschaft angekommen“, so der 58-Jährige.

Nach einer halben Stunde geht es für die fünf Sportler ab auf die Matte. Dort steht der Vierfüßlerstand auf dem Plan, später auch die Kräftigung vernachlässigter Muskulatur. Die Männer werden gefordert, Erholungsphasen sind selten, obwohl es die erste Einheit nach längerer Pandemie-Pause ist. „Man merkt schon, dass wir ein halbes Jahr wenig gemacht haben“, reflektiert Kai Bussiek. Trainerin Gabi Mitteneder ist dennoch mit ihrer Gruppe zufrieden: „Sie machen alle gut mit, auch wenn sie manchmal stöhnen.“ Die Stimmung ist locker, ab und an ist Lachen zu hören – zum Beispiel, wenn deutlich wird, dass Mann mal nicht so beweglich ist, wie all die Fitness-Influencer in ihren Videos.

Ins Leben gerufen wurde die Gymnastik-Gruppe für Männer im TSV Herberhausen, um „Personen zwischen 30 bis 60 Jahren anzusprechen. Denn diese Altersgruppe macht oft keinen Sport mehr“, sagt Volker Grothy, der im Vereinsvorstand aktiv ist. Inzwischen betreiben rund 50 Männer in verschiedenen Gruppen Gymnastik beim TSV.

Gymnastik-Angebote beim Nikolausberger SC

Drei Kilometer Luftlinie weiter nördlich, auf dem Nikolausberg, treffen sich ebenfalls ganz regelmäßig Aerobic- und Gymnastik-Affine. Zuletzt fand das Training nicht in der Halle statt, sondern auf dem Fußballplatz. „Man ist nie zu alt und nie zu jung für Gymnastik“, sagt einer der NSC-Trainer, Alexander Katt. Der gebürtige Berliner ist als Physiotherapeut tätig und weiß um die Bedeutung von Sport: „Bewegung ist für das Herz-Kreislauf-System und das Muskel-Skelett-System das A und O.“ Bereits eine halbe Stunde Gehen am Stück, so der 35-Jährige, wirke „auf ganz vielen Ebenen“. Aktiv zu werden, zu sein und zu bleiben könne, Katt zufolge, nicht hoch genug bewertet werden. „Wenn wir uns regelmäßig kräftigen und dehnen, führt das letztlich auch zu Unabhängigkeit im höheren Alter.“ Untermauert wird dies durch einen eindrucksvollen Hinweis von Sandra Strong, die ebenfalls als Übungsleiterin im NSC tätig ist: Eine Teilnehmerin in einem ihrer Kurse sei 95 Jahre alt.

Dass Sport zu einem gesünderen und glücklicheren Leben führen kann, davon ist auch Dr. Vicky Henze überzeugt. Die 43-Jährige ist verantwortlich für den Fachbereich Fitness im ASC Göttingen, Göttingens größtem Sportverein, und sagt: „Menschen wollen qualitativ hochwertig trainieren und durch Bewegung etwas für ihre Gesundheit und Fitness tun.“ Mit wöchentlich rund 150 Kursen im Bereich Fitness und Gymnastik lässt der ASC keine Wünsche offen, das Programm ist inzwischen schon wieder gestartet.

Zwei Fitnessstudios laufen bereits unter der Regie des ASC, ein weiteres wird 2022 hinzukommen. Henze blickt der Eröffnung des neuen Studios im ehemaligen Gastronomie-Bereich des Jahnstadions erwartungsfroh entgegen. Dort wolle man „speziell jüngeren Menschen die Möglichkeit zu attraktivem Training bieten“, so die Sportwissenschaftlerin.

Welche Besonderheiten erlebt und erwartet Henze im Bereich Fitness und Studio? „Es kommt aus der Mode, sich an feste Geräte zu setzen und zum Beispiel 15 Wiederholungen an der Beinpresse zu machen.“ Vielmehr gehe es um alltagsnahes Training, etwa mit dem Zugseil oder freien Hanteln. Was alltagsnah bedeutet? „Zum Beispiel die Oma fit machen“, so Henze, „damit sie das Enkelkind hochheben kann.“

Eine Besonderheit der jüngeren Vergangenheit sei, laut Henze, auch die Anschaffung von Poledance-Stangen gewesen, sie finden im ASC Fitness Frauenstudio in der Benzstraße Einsatz. Mit einem Augenzwinkern merkt Henze an: „Bislang habe ich dafür noch keine Anfragen von Männern erhalten.“

Stichwort Männer: In der Turnhalle in Herberhausen würde man um 21.26 Uhr kaum vermuten, dass die männliche Gymnastik-Gruppe noch sportelt. Das Licht ist ausgeschaltet, das Lied „True Colours“ läuft leise, Vogelgezwitscher ist durch die geöffneten Fenster zu hören. Die fünf Männer liegen auf ihren Matten, soeben hat ihr Stretching-Programm begonnen, es dient dem Ausklang der Stunde. Wo vorhin noch Anstrengung herrschte, setzt nun Entspannung ein.

Spätestens jetzt wird klar, dass Gymnastik auch mit Achtsamkeit und Konzentration zu tun hat. Und es in der Sporthalle beim TSV Herberhausen auch um etwas geht, das im Alltag oft genug auf der Strecke bleibt: im Hier und Jetzt zu sein. Und spätestens, als die Männer berichten, dass schon lange feststeht, dass sie den Abend bei einem gemeinsamen Kaltgetränk ausklingen lassen werden, wird deutlich, dass es beim Vereinssport auch um die Gemeinschaft geht.

Von Timo Holloway