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Göttingen Ägypten: Quellen über Aufenthalt von Herrnhutern bei Kopten
Campus Göttingen Ägypten: Quellen über Aufenthalt von Herrnhutern bei Kopten
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17:39 15.07.2013
„Gegenseitig spirituell bereichern“: Kirchensaal der Herrnhuter in Neudietendorf.
„Gegenseitig spirituell bereichern“: Kirchensaal der Herrnhuter in Neudietendorf. Quelle: dpa
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Göttingen

Sie hatten einen anderen Beweggrund, auch wenn sonst diese pietistischen Protestanten oft mit missionarischen Aktivitäten hervortraten. Darüber sind Dokumente erhalten, die jetzt in einer Edition in Buchform erschienen sind.
Prof. Martin Tamcke vom Lehrstuhl für Ökumenische Theologie und Orientalische Kirchen- und Missionsgeschichte stellte diese bislang zwei Bände umfassende Edition vor. Ein dritter Band ist in Arbeit.

Ziel des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Editionsprojektes war die Erfassung der handschriftlichen Quellen im Archiv der Brüderunität in Herrnhut (Sachsen), die über die Arbeit und das Leben der „Brüdermissionare“ in Ägypten und über die Gespräche mit dem Koptischen Orthodoxen Patriarchat berichten (deutsche, französische, arabische Korrespondenz, erbauliche und seelsorgerliche Übersetzungsliteratur; Wahrnehmung und Beschreibungen Ägyptens, der Kopten und der historischen Ereignisse im Osmanischen Reich). Mit der Buchvorstellung wurde zugleich die zwölfteilige Vorlesungsreihe „Christen in Ägypten“ dieses Semesters abgeschlossen.

Verhältnis zwischen Kopten und Herrnhutern

„Sind wir auch körperlich weit entfernt, sind wir doch im Geiste nah“: Mit diesem Zitat aus einem Brief eines koptisch-orthodoxen Christen an einen Herrnhuter in Kairo vom 3. April 1777 kennzeichnete Christian Mauder, Mitarbeiter Tamckes bei der Edition, das besondere

Referent: Martin Tamcke.

Verhältnis zwischen Kopten und Herrnhutern. Sie waren in dieser Zeit in einen intensiven interkonfessionellen Dialog getreten. Meist seien Krisensituationen der Ausgangspunkt für das gemeinsame theologische Gespräch gewesen. An zwei Beispielen illustrierte Mauder die Inhalte dieser Dialoge. Zum einen baten die koptischen Christen die Herrnhuter immer wieder um Geld.

Dabei verwiesen sie auf ihre brüderliche christliche Verbundenheit („O meine Brüder, wir benötigen eine Summe von 20 Talern“) und legten Wert darauf, gemeinsame theologische Positionen zu beziehen. Zum zweiten spendeten die koptischen Christen ihren Herrnhuter Glaubensbrüdern Trost, wenn bei denen Todesfälle eingetreten waren. Sie teilten deren Trauer und wiesen auf die Erlösung durch den Sühnetod Christi hin, was ebenfalls der Herrnhuter Theologie entspricht. Der Dialog zwischen Kopten und Herrnhutern sei „hilfreich und fruchtbar“ gewesen, hob Mauder hervor.

Oberhaupt Bischof Anba Damian

Zu Gast bei der Buchvorstellung war Bischof Anba Damian, das Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche in Deutschland. Er betonte, dass diese Edition nicht etwa Forschung für die Schublade sei, sondern zum Aufbau von Beziehungen dienen könne. Die Herrnhuter seien nach Ägypten gekommen, „nicht um zu missionieren, sondern sich gegenseitig spirituell zu bereichern: Das ist ein Vorbild.“ Er schloss seine Begrüßung mit dem Satz „Wir sind stolz auf eure Leistungen, damit wir unsere Herzen öffnen für die anderen.

Mit lebhaftem Interesse verfolgt wurde die Präsentation von einer Delegation acht weißrussischer Theologiestudenten aus Minsk, die derzeit mit vier Professoren – darunter der Philosoph und Theologe Sergey Mausesian – den Besuch von Göttinger Studierenden im Frühjahr erwidern. Mausesian bezeichnete die Edition als einen „Pfad, der aus der Vergangenheit in die Gegenwart führt“.

Von Michael Schäfer

► Martin Tamcke und Arthur Manukyan: Herrnhuter in Kairo. Die Tagebücher 1769 – 1783 (Herrnhuter Quellen zu Ägypten, Band 1), Würzburg 2012, 462 Seiten, 59 Euro.

► Martin Tamcke mit Arthur Manukyan und Christian Mauder: Die arabischen Briefe aus der Zeit der Herrnhuter Präsenz in Ägypten 1770–1783 (Herrnhuter Quellen zu Ägypten: Band 2), Würzburg 2012, 158 Seiten, 28 Euro.