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Göttingen Akademisches Prekariat: Beschäftigte der Uni Göttingen fordern Entfristungen
Campus Göttingen Akademisches Prekariat: Beschäftigte der Uni Göttingen fordern Entfristungen
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19:14 29.08.2019
Die Initiative strebt Entfristungen an. Quelle: dpa-tmn
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Göttingen

Nach der gescheiterten Neubesetzungdes Göttinger Universitätspräsidiums sowie dem Rücktritt des Vorsitzenden des Stiftungsrats verlangen nun Beschäftigte der Universität, die Umbruchsituation für eine grundlegende Neuausrichtung zu nutzen.

Um die 30 wissenschaftliche Mitarbeiter, Verwaltungsangestellte, Lehrbeauftragte und Studierende stehen hinter den Forderungen der InitiativeUni Göttingen unbefristet“, die sich im Juni gegründet hatte. Sie wehren sich gegen befristete Verträge und wollen eine „umfassende Entfristungspolitik“ an der Göttinger Universität bewirken.

Laut der Initiative seien Wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität zu zirka 90 Prozent befristet angestellt, Mitarbeiter in Technik und Verwaltung zu 27 Prozent. Diese Zahlen kämen vom Personalrat der Universität, so Vincent Lindner, ein Sprecher von Uni Göttingen unbefristet“.

Bündnis setzt auf Kollegen und Öffentlichkeit

Derzeit sei die Initiative laut ihren Sprechern noch dabei, mehr Kollegen auf die Forderung aufmerksam zu machen. Der Adressat ist noch nicht ihr Wirkungsort. „Das Bündnis hat bisher keinen Kontakt zum Präsidium aufgenommen“, so Uni-Pressesprecher Romas Bielke. Er würde sich freuen, wenn Vertreter Kontakt aufnehmen.

Die Universität hätte derzeit 2832 befristete Beschäftigte, die Hilfskräfte sind nicht eingerechnet. 2167 befristete Angestellte seien dem wissenschaftlichen Personal zuzurechnen, 665 dem nichtwissenschaftlichen. Demgegenüber stehen 2700 unbefristete Beschäftigte ohne Hilfskräfte, wovon 2021 zum nichtwissenschaftlichen Personal gehörten. „Im Wissenschaftsbereich typischerweise befristet sind zum Beispiel Qualifikationsstellen für Doktoranden und Stellen in Forschungsprojekten mit begrenzter Laufzeit“, so Bielke.

Kettenbefristungen

Die Wissenschaftlichen Mitarbeiter seien laut dem Bündnis durchweg damit beschäftigt, sich auf die nächste Stelle zu bewerben und könnten nie weit im Voraus planen. Solche „Kettenbefristungen“ belasteten die Lehre, sagt Lydia Brenz, ebenfalls Sprecherin der Initiative. „Anstatt Forschungsvorhaben umzusetzen, müssen Angestellte Projektanträge schreiben, um neue Stellen für sich einzuwerben“, so Brenz weiter. Die ständigen Wechsel belasteten nicht nur die Kollegen, die „nah am Akademischen Prekariat“ schrammten, so Lindner, sondern auch die Sekretariate, die ständig neue Mitarbeiter anlernen müssten oder andere Aufgabenbereiche erklären.

Das Problem ist altbekannt. Frank Mußmann von der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften beruft sich auf Studien und Mitarbeiterbefragungen und sagt, dass „der Befristungsanteil im sogenannten wissenschaftlichen Mittelbau [...] in den letzten zwei Jahrzehnten an deutschen Hochschulen deutlich angestiegen ist und damit eine erhebliche Unsicherheit und Unzufriedenheit einher geht“, kurz: Die Mitarbeiter fallen ins akademische Prekariat. „Dies wurde nicht zuletzt auch in Mitarbeiterbefragungen verschiedener Fakultäten der Universität Göttingen 2012 und 2014 festgestellt.“

Verdi unterstützt

Die Gewerkschaft Verdi unterstützt die Göttinger Initiative seit Beginn. „Wir müssen hoffentlich nicht damit rechnen, dass die Vakanz an der Spitze zu einer Lähmung relevanter Entscheidungen auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden“, so Frank Ahrens, Gewerkschaftssekretär für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Nach dem Vorbild von „Uni Kassel unbefristet“ solle auch Göttingen nun beginnen, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Damit möchte Ahrens „Verbindliche Vereinbarungen wie beispielsweise Tarifverträge zwischen der Universität und den Beschäftigten ermöglichen“. „Als Stiftungsuniversität steht es der Uni frei, selbst zu entscheiden, zu welchen Konditionen sie ihre Mitarbeiter anstellt“, ergänzt Lindner.

Im Wettbewerb mit anderen Hochschulen sei der Fokus zu weit von der Lehre abgerückt. Die Exzellenzstrategie nach angelsächsischem Muster würde forciert, dabei bliebe laut Ahrens die grundständige Förderung der Wissenschaft und Lehre auf der Strecke. „Spitzenleistungen in Wissenschaft und Forschung sowie in der Lehre sind nicht mit prekär Beschäftigten zu erzielen“, so Ahrens.

Von Lea Lang

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