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Göttingen Fake News und der Wahlkampf an der Haustür
Campus Göttingen Fake News und der Wahlkampf an der Haustür
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20:05 25.05.2017
Von Michael Caspar
Traditioneller Uni-Gottesdienst in Bursfelde: Prof. Thomas Kaufmann, Abt von Bursfelde, und Festredner Prof. Andreas Busch (r.). Quelle: Miscke
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Bursfelde

Das digitale Zeitalter, daran ließ der Professor keinen Zweifel, eröffnet neue Möglichkeiten, die politische Willensbildung zu manipulieren. So sei die knappe Mehrheit für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union nicht zuletzt mit einer Fake News erreicht worden. Das Land, so hätten es Austrittsbefürworter endlos wiederholt, überweise wöchentlich 350 Millionen Pfund nach Brüssel. Dieses Geld ließe sich nach dem Brexit zur Verbesserung des Gesundheitswesens einsetzen. Heute wiederholten die Brexiteers diese falsche Behauptung nicht mehr.

Trotzdem warnte Busch davor, die Gefahren zu überschätzen und nach dem Staat zu rufen. Die Bürger, erklärte er, würden mit der Zeit lernen, Manipulationen zu erkennen. So sei der Versuch, den französischen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron kurz vor der Wahl mit einer Sammlung angeblich belastender Dokumente zu verleumden, gescheitert. Eine Nichtregierungsorganisation habe rasch nachweisen können, dass die Quelle der Dokumente nicht glaubwürdig sei.
Auch andere Gefahren des digitalen Zeitalters sprach Busch an. So ließen sich Fehlinformationen über soziale Netzwerke gezielt in bestimmten Gruppen verbreiten, ohne dass dies der breiten Öffentlichkeit sofort bekannt werde. Computerprogramme, sogenannte Social Bots, täuschten in sozialen Netzwerken Menschen vor. So ließen sich Informationen schnell verbreiten und scheinbare Massen mobilisieren.

Seit Ende der 80er-Jahre, führte der Wissenschaftler aus, habe sich der Informationsfluss erheblich beschleunigt. Gleichzeitig fehlten in weiten Teilen des Internets „ordnende Instanzen“. Die Folge sei eine Flut von zum Teil nicht überprüften Informationen, Skandalisierungen und schrillen Meinungsäußerungen. Damit gewinne die Arbeit von Journalisten, die Fakten checkten und Ereignisse einordneten, an Bedeutung. Parteien in Deutschland setzten wieder verstärkt auf den persönlichen Kontakt zu den Bürgern. Politiker gingen von Haus zu Haus.

Während des vorangegangenen Gottesdienst hatte der Abt des Klosters, der Göttinger Theologieprofessor Thomas Kaufmann, gepredigt. In der vollen Kirche spielte das Blechbläserquartett des Göttinger Universitätsorchesters unter Leitung von Ingolf Helm. Nach dem Vortrag aßen die Christen im Garten hinter dem Tagungshaus des Klosters gemeinsam Suppe.