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Göttingen „Steinernes Fundament des Judentums“
Campus Göttingen „Steinernes Fundament des Judentums“
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00:16 05.12.2017
Angelika Neuwirth bei ihrem Vortrag Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Der Tempel, den die Babylonier 587 vor Christus und die Römer 70 nach Christus zerstört hätten, sei das wichtigste Heiligtum der Juden, führte die Wissenschaftlerin aus. Sichtbar erhalten habe sich vom „steinernen Fundament des Judentums“ nur noch eine Stützmauer des Tempelbezirks, die Klagemauer, eine oft aufgesuchte Gebetsstätte. Der Tempel inspiriere Juden bis heute beim Bau ihrer Synagogen.

Für Christen, berichtete Neuwirth, sei der Tempel dagegen mit dem Wirken Jesu religiös überholt. In der Antike hätten Christen seine Zerstörung durch die Römer als göttliche Strafe für den „Gottesmord“, die jüdische Beteiligung an der Kreuzigung Jesu durch die Römer, gedeutet. Gleichzeitig bleibe er aber für sie als „Ursprungsort des monotheistischen Kults“ von Bedeutung. Die Bibel verbinde den prunkvollen Bau mit König Salomo. Das Gotteshaus diene Christen als architektonisches Vorbild für Kirchen. Kaiser Justinian habe sich einst gerühmt, mit dem Bau der Kirche Hagia Sophia in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, Salomo als Bauherr übertroffen zu haben. Salomo sei den mittelalterlichen Königen Europas ein Herrschervorbild gewesen.

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In der Religiosität der Muslime spiele dagegen der Jerusalemer Tempel keine Rolle, erläuterte die Arabistin. Moscheen seien Lehr- und Bethäuser, die keinen allerheiligsten Bereich kennen würden, nichts, das sich mit dem jüdischen Toraschrein oder dem katholischen Tabernakel vergleichen lasse. Muslime würden keine kultische Hierarchie kennen und reine Wortgottesdienste feiern. Im Koran gelte Salomo nicht als Erbauer des Tempels.

Dennoch, betonte die Wissenschaftlerin, enthalte der Koran Hinweise auf den Tempel. So heiße es dort vage, dass sich Maria an einen „östlichen Ort“ zurückgezogen habe. Damit spiele der Koran auf eine Weissagung des Propheten Hesekiel hin, wonach der Messias durch das Osttor des Tempels einziehen werde. Neuwirth deutet die Koranpassage als Abkehr vom Opferkult im Tempel und vom Prinzip der Gerechtigkeit. An seine Stelle trete in der Gestalt Marias die Botschaft der Barmherzigkeit Gottes.

Dass Jerusalem und der Tempel im frühen Islam eine Rolle spielten, machte die Arabistin in ihrem Vortrag daran fest, dass Muslime zunächst – wie die Juden seit der Zeit ihres babylonischen Exils – in diese Richtung beteten. Das habe sich erst geändert, als die Muslime nach Medina vertrieben worden seien. Dort habe es starke und selbstbewusste jüdische Stämme gegeben. In dieser Situation sei es zu einer neuen Deutung des mekkanischen Pilgerheiligtums, der Kaaba, gekommen. Gemäß der nun offenbarten Koranverse habe Abraham die Kaaba einst gemeinsam mit seinem Sohn Ismael errichtet. Später sei das Gebäude in die Hände der Heiden gefallen. Im weiteren Verlauf der Geschichte hätten es sich die Muslime zurückerobert.

Dass die im Südosten Jerusalems gelegene Plattform trotzdem für Muslime heilig sei, liege an der sogenannten Himmelsreise von Mohammed. Er habe sie laut Koran von dort aus angetreten. In den betreffenden Versen sei allerdings nur vage von Masdschid al-Aqsa (einem „fernen Niederwerfungsort“) die Rede. Nach der Eroberung Jerusalems durch die Muslime sei dort eine so benannte Moschee errichtet worden. Damals habe die Zerstörung des Tempels durch die Römer bereits 600 Jahre zurückgelegen. Heute präge die al-Aqsa-Moschee zusammen mit dem Felsendom die Fläche.

Ausrichter des Vortrags war Coro, das Göttinger Zentrum für Antike und Orient. Die Veranstaltung erinnert an den Göttinger Bibelwissenschaftler und Arabisten Julius Wellhausen (1844 bis 1918), der sich den drei monotheistischen Religionen in bahnbrechenden Arbeiten historisch-kritisch näherte.

Von Michael Caspar

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