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Göttingen Autismus: Forschungsergebnisse und Erfahrungsbericht im Neuro-Forum
Campus Göttingen Autismus: Forschungsergebnisse und Erfahrungsbericht im Neuro-Forum
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16:36 14.06.2013
„you-will-find-we-are-all-linked“: Werk der Künstlerin Bareface aus dem Jahr 2010.
„you-will-find-we-are-all-linked“: Werk der Künstlerin Bareface aus dem Jahr 2010. Quelle: Bareface
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Göttingen

In der „Denk-Bar“ – so heißt eine Veranstaltungsreihe des DFG-Forschungszentrum Molekularphysiologie des Gehirns sprachen Ehrenreich und Prof. Nils Brose vom MPI über das Thema „Wenn Nervenzellen sich missverstehen – Biologische Ursachen von Autismus“ im Apex und diskutiert mit den etwa 100 Gästen.

Maus-Mutanten

Es waren Maus-Mutanten, die die Kooperation Ehrenreichs mit Brose in Gang brachten. Brose habe sich seit über 20 Jahren unbewusst mit Autismus beschäftigt, erst in den vergangenen sechs Jahren sei deutlich geworden, dass die Verhaltensweisen autistisch sind, die seine Mäuse nach Ausschaltung bestimmter Proteine in ihren Gehirn-Nervenzellen aufweisen.

Was sich bei Mäusen und bei Menschen in Problemen mit sozialer Interaktion, Kommunikation und einer speziellen Interpretation von Reizen äußert, sei das Resultat eines komplexen inneren Vorgangs innerhalb der rund 100 Milliarden Nervenzellen in unserem Gehirn. Diesen Vorgang machte Brose in einem 30-minütigen Vortrag verständlich. Die Nervenzellen seien im Gehirn „dicht gepackt und eng verwoben, und doch exakt verknüpft“. So wisse jede Nervenzelle genau, an welche Partnerzelle sie einen Reiz weiterleiten soll. 

Wichtig für die Entstehung des Autismus sei die noch komplexere Ebene der Reiz-Weiterleitung in den Zellen: Zellfortsätze müssten mit ihren Partnerzellen Synapsen ausbilden. Diese fungierten als Schaltzellen der Reizübertragung zwischen zwei Zellfortsätzen.

Proteine spielen besondere Rolle

Bei der Herstellung dieser Synapsen spielten Proteine eine besondere Rolle: Sie bauten kaskadenartig ein molekulares Gerüst auf Rezeptorproteinen am Ende, die wiederum den Reiz transportierende Botenstoffe aus der Senderzelle aufnehmen.  So wird ein elektrischer Impuls von Zelle zu Zelle weitergegeben. Bei Autismus entsteht die Protein-Kaskade nicht:  Das Protein Neuroligin, zuständig für den Bau des Gerüsts, fehlt oder ist mutiert. Der Reiz kann nicht übertragen werden.

Aus den Tiefen der Theorie der Gehirnforschung holte die Leipzigerin Gee Vero die Anwesenden zurück:  Anhand ihrer Kunstwerke und Erzählungen illustrierte sie subjektiv das, was die Wissenschaft objektiv erforscht. Vor einigen Jahren mit der Diagnose „Asperger-Syndrom“ konfrontiert, beschrieb die als Bareface wirkende Künstlerin ihren Werdegang und ihr Leben mit dem „Anders-Sein“.

Nichtverstehen der Anderen

Autismus, das bedeute für Betroffene „Menschen zu fühlen statt sie anzuschauen, stets mit dem eigenen Selbst konfrontiert zu werden“, das sei das Nichtverstehen der Anderen, eine „nicht von Erfahrung gefärbte Wahrnehmung, Zurückgezogenheit, aber schlicht auch eine Form von Normalität“. So habe sie studiert, sei verheiratet und habe gelernt, auf Gesichtsausdrücke und Reize angemessen zu reagieren.

Autobahn fahren sei aber nur dann möglich, wenn sie sich zwinge, nicht alle Nummernschilder zu lesen und zu merken. Auf die Frage, was sie glücklich mache, hatte die Künstlerin neben einer „neurotypischen“, also „normalen“, auch eine „autistische“ Antwort parat: Glücklich mache sie die Zahl 208, die Uhrzeit 17.56, der Stift der Marke „Edding 3000“ in schwarz, mit dem sie ihre Bilder malt sowie kleine Details und Dinge wie Verkehrsschilder.

Damit normale Menschen sich in sie einfühlen könnten, „braucht man wohl neuronales Kabel“. Für die Attribute „normal“ und „gestört“, so die Quintessenz aus der anschließenden Diskussion zwischen Gästen und Experten, gibt es weder Trennschärfe noch Schablonen, in die man die

Menschen einsortieren kann. Nach gut zwei Stunden waren viele Fragen beseitigt, aber eine wichtige blieb im Raum: Hat nicht jeder noch so normale Mensch auch ab und an autistische Züge?

Von Katharina Kilburger

Die nächste Denk-Bar öffnet am Dienstag, 24. September, zum Thema „Parkinson – Das Nervensterben aufhalten“ mit den Neurowissenschaftlern Prof. Paul Lingor und Prof. Tiago Outeiro  von der Universitätsmedizin Göttingen. Sie beginnt um 20 Uhr im Apex, Burgstraße 46.