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Campus Göttingen Berichte über Göttingen, Hunger und ewige Studenten
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15:41 28.10.2009
Interesse an Göttingen: Gongoli Huan und Hanchao (v.l.) filmen am Wilhelmsplatz.
Interesse an Göttingen: Gongoli Huan und Hanchao (v.l.) filmen am Wilhelmsplatz. Quelle: Pförtner
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Der Tod des Indologen Ji Xianlin hat in China für eine außergwöhnlich große Anteilnahme gesorgt: 30000 Trauernde werden zu seiner Totenfeier am heutigen Freitag erwartet, das chinesische Fernsehen wird live berichten und der chinesische Staatspräsident Wen Jiabao erwies dem verstorbenen Wissenschaftler nur drei Stunden nach seinem Tod in einem Pekinger Militärkrankenhaus die letzte Ehre. Ji hatte seine letzten Lebensjahre dort verbracht

Die Wellen der Anteilnahme schlagen bis nach Göttingen, wo Ji von 1935 bis 1945 studierte, promovierte und forschte. Mitarbeiter der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua filmen neben der Stadt die Universität, die alte Aula und das ehemalige Wohnhaus von Ji in der Münchhausenstraße 20. „Ji war der letzte große Meister“, erklärt Gongoli Huan von der Agentur das Interesse der chinesischen Presse an dem Wissenschaftler.

Der Indologe wurde 1911 in China geboren und studierte und forschte von 1935 bis 1945 an der Universität Göttingen. In seinem Hauptfach Sanskrit wurde er 1941 an der Georgia Augusta promoviert. Zudem studierte er Tocharisch, eine ausgestorbene Sprache der Uiguren aus dem Nordwesten Chinas, und hörte Vorlesungen in verschiedenen Fächern der Geisteswissenschaften. 1946 kehrte er nach China zurück und trat eine Professur an der Peking University an. Dort gründete er das Zentrum für ostasiatische Sprachwissenschaften.

Meister und Vorbild

Populär bei nichtakademischen Chinesen machten ihn seine autobiographischen Schriften: Über seine Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs und seine Zeit in Göttingen und Deutschland schrieb er in den 1980er Jahren ein Buch, das Generationen von Chinesen bis heute beeinflusst. Zudem verfasst er ein Buch über seine Erlebnisse während der chinesischen Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976.

„Fast jeder in China kennt Ji Xianlin“, sagt Roswitha Brinkmann. Die Sinologin und Auslandsrepräsentantin der Universität Göttingen im chinesischen Nanjing und Seoul (Süd-Korea) hat das autobiographische Buch zusammen mit Prof. Li Kuiliu aus Peking und dem in Göttingen lebenden Doktoranden Liu Doaqian übersetzt. „Ji hat später in China eine Brücke nach Indien gebaut, durch die Lehre des Tocharischen eine Sprache weitergegeben, die kaum noch jemand kennt, damit sie nicht in Vergessenheit gerät und sich trotz Widrigkeiten immer für seine Studenten und für die Wissenschaft eingesetzt – daher ist er für die Chinesen ein Meister und Vorbild“, erklärt Brinkmann.

Krieg und Schillerwiese

„Er war ein aufmerksamer Beobachter und eifriger Student, der sich von Schwierigkeiten nicht von seinen Studiene abhalten ließ“, sagt Brinkmann. Eigentlich wollte er nur zwei Jahre in Deutschland studieren, bis 1937 war sein Stipendium veranschlagt. „In China hatte er schon Deutsch studiert. Er war der erste Stipendiat des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD) in China“, erzählt die Sinologin. Zurück ließ er Frau, Sohn und Tochter. „Er dachte ja, dass er 1937 wieder zurück-kehrt. Aber dann kam der japanisch-chinesische Krieg (1937 bis 1945) dazwischen und dann auch noch der Zweite Weltkrieg – da war eine Rückkehr für zehn Jahre unmöglich“, sagt Brinkmann. Von seiner Familie hat er viele Jahre nichts gehört, konnte auch selbst keinen Kontakt aufnehmen. „Dass er trotzdem so eifrig hier studiert hat, ist beeindruckend“, findet sie. In seinem Buch „Zehn Jahre in Deutschland“ schreibt er über das universitäre Leben, seine Freude über Schnee, Hitlers Reden im Radio, das allsonntägliche Treffen mit den drei weiteren chinesischen Studenten auf der Schillerwiese und über weitere Aspekte seines Leben in der Fremde. Beispielsweise erklärt er seinen Landsleuten das Phänomen „ewiger Student“, für das es kein chinesisches Wort zu geben scheint. Und er beschreibt seinen Hunger: „Wenn man mir glühende Kohlen gegeben hätte – ich hätte sie gerne geschluckt“, zitiert Brinkmann aus der Übersetzung. Trotz unfreiwillig verlängertem Aufenthalt sei ihm Göttingen sehr ans Herz gewachsen, so Brinkmann: „Ji bezeichnete Göttingen später als seine zweite Heimat.“ Das Buch erscheint im Oktober 2009 zur Frankfurter Buchmesse. Am 13. Oktober soll es in Göttingen vorgestellt werden.

Von Corinna Berghahn

15.07.2009
28.10.2009