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Göttingen Brustkrebs: Vom Röntgen zum Screening
Campus Göttingen Brustkrebs: Vom Röntgen zum Screening
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18:24 11.11.2010
Brustuntersuchung: Das Bild einer Mammografie ist auf einem Computermonitor zu sehen, während eine weitere Aufnahme mit dem volldigitalen Scanverfahren vorbereitet wird.
Brustuntersuchung: Das Bild einer Mammografie ist auf einem Computermonitor zu sehen, während eine weitere Aufnahme mit dem volldigitalen Scanverfahren vorbereitet wird. Quelle: dpa
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Der promovierte Mathematiker Peitgen wurde in den 1980er Jahren bekannt mit einem von ihm entwickelten Visualisierungsprinzip von Julia- und Mandelmengen, besser bekannt unter dem Titel „Apfelmännchen“. Aus einer simplen Formel hatte er komplexe ästhetische Bilder entstehen lassen und damit einen viel bestaunten Schritt auf dem Gebiet der Verbindung von Mathematik und Informatik getan. Nach Göttingen zog es den Präsidenten von Fraunhofer MeVis (Centrum für Medizinische Diagnosesysteme und Visualisierung) aber im Auftrag eines „ernsten, schwierigen und kontroversen Themas“: Brustkrebs.

Peitgen, Jahrgang 1945, betont kein Mediziner zu sein, aber er sei der „Medizin sehr zugetan“. Der Mathematikprofessor arbeitet in Bremen mit einem 70-köpfigen Team an Bildverarbeitungsmethoden, die für die medizinische Therapie und vor allem für die Diagnostik nutzbar gemacht werden sollen. Geforscht wird in vier Bereichen: Lunge, Gehirn, Herz und Onkologie, unter die auch die Brustkrebserkrankung fällt. Der Wissenschaftler legte die Entstehungsgeschichte der Radiologie, die in den ersten 100 Jahren nur mit dem bloßen Auge ausgewertet werden konnte, ebenso fachgerecht kompensiert wie interessant dar und zeigte die Entwicklung zu modernen computergestützten Untersuchungen auf, die besonders in der Früherkennung (Screening) innovative Möglichkeiten bietet.

Neben seinen Ausführungen zu den technologischen Neuerungen betonte Peitgen aber auch deutlich die Probleme und Komplikationen, die beim Screening auftreten können. Größte Schwierigkeit ist unter anderem, dass bei der Erstuntersuchung (Mammographie) nicht jeder Brustkrebs erkannt werden kann.
Das heiße, dass sich Verdacht auf Brustkrebs (der Fund eines Karzinoms) bei weiteren Untersuchungen nicht unbedingt erhärten muss. Peitgen stützte sich dabei auf eine verblüffende Statistik von Prof. Gerd Gigerenzer. Der Psychologe und Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin stellte fest, dass Frauen ohne Brustkrebs mit einer Wahrscheinlichkeit von sieben Prozent einen positiven Befund haben. Außerdem machte er deutlich, dass nur neun Prozent aller Frauen mit einer positiven Mammographie tatsächlich Brustkrebs haben.

Peitgen ist seit 2008 Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Der Wissenschaftler ermöglichte es den Zuhörern mit seinem laiengerechten Vortrag, die von ihm sorgfältig ausgewählten Aspekte intensiv zu verfolgen und gab dabei einen spannenden Einblick in den aktuellen Stand der Forschung auf einem komplexem Gebiet.
Die Ringvorlesung „Vom Nutzen des Nutzlosen“ wird am Dienstag, 16. November, fortgesetzt. Um 18.15 Uhr spricht Prof. Ekkehard Winterfeldt, Hannover, über „Neugier – Überraschung – Nutzen (?). Entdeckungsreisen zu Naturstoffen“ in der Aula der Universität, Wilhelmsplatz 1.

Von Anna Kleimann