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Göttingen Buddy-Projekt führt ins Klassik-Konzert
Campus Göttingen Buddy-Projekt führt ins Klassik-Konzert
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19:52 29.11.2019
Sabrina Opitz (links) mit "Buddy" Marie Sandor vor dem Beginn des Konzerts des Göttinger Symphonie Orchesters am 28. November 2019. Quelle: Marie Sandor
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Göttingen

Sabrina Opitz hat den Versuch gewagt: Am Donnerstag besuchte sie zum ersten Mal ein Klassik-Konzert.

Wie ist es wohl, mit Mitte 20 zum allerersten Mal ein klassisches Konzert zu besuchen? Was hält vor allem junge Menschen davon ab? Welche Vorurteile gibt es und welche davon sind vielleicht sogar berechtigt?

Die Fragen soll Sabrina Opitz beantworten: die 24-Jährige ist Auszubildende zur Kauffrau für Büromanagement und Neuling, wenn es um Klassik-Konzerte geht. Als erfahrenere Klassikhörerin wollte ich als Buddy und Autorin dieses Beitrages mein Wissen und meine Begeisterung für klassische Musik nutzen, um einer in diesem Bereich unerfahrenen Person einen Einblick in eine neue Welt zu geben. Ziel des Ganzen war es, Berührungsängste mit klassischer Musik zu nehmen und dabei zu helfen, die Klischees zu brechen.

Gemischt: Gefühle und Publikum

Was Klischees sind, das kann Opitz als Unerfahrene am besten beurteilen. Klassische Konzerte werden ihrer Vorstellung nach eher von älteren, wohlhabenden Leuten besucht. Als wir vor dem Veranstaltungsort, der Aula am Wilhelmsplatz, stehen, hat Opitz den Eindruck, das Klischee sei bei diesem Konzertpublikum nicht erfüllt. „Das Publikum ist auf jeden Fall schon mal ganz interessant, es scheint mir relativ gemischt zu sein“, sagt sie überrascht.

Bei unserem ersten Treffen vor ein paar Wochen bezeichnete sie Klassik-Konzerte als „nicht wirklich alltagstauglich“. „Wenn ich an Konzerte denke, denke ich nicht an klassische Konzerte“, erklärte sie mir.

Im Alltag der jungen Frau hat klassische Musik aber durchaus einen Platz: „Ich finde sie ziemlich beruhigend, deshalb höre ich sie meistens zum Einschlafen“. Es liegt nahe, dass sie ihre „Einschlafmusik“ nicht unbedingt bei einem abendfüllenden Event konsumieren möchte.

Archivaufnahme: Das Göttinger Symphonieorchester spielt in der Aula der Universität Göttingen beleitet von der Stadtkantorei Göttingen. Quelle: Michael Schäfer

Dass sie sich dennoch dafür entschieden hat, am Projekt teilzunehmen, hat mit einer ihrer Charaktereigenschaften zu tun: „Ich würde mich als ziemlich neugierigen Menschen bezeichnen“. Sie wolle die ganze Sache einfach auf sich zukommen lassen.

Klischees treffen vielleicht zu?

Wir betreten die Aula. „Ich finde das Foyer hübsch, es hat irgendwie was Antikes“, bemerkt Opitz. Das Foyer der Aula ist rappelvoll. Doch das zuvor von Opitz als sehr divers eingeschätzte Publikum macht im Gebäude einen anderen Eindruck. Es sind zwar ein paar jüngere Leute in unserem Alter darunter, und sogar ein paar Kinder, doch der Großteil der Besucher ist tatsächlich, wie erwartet, älter und sehr schick zurechtgemacht.

„Ich fühle mich ein bisschen underdressed“, sagt Opitz. Es helfe ihr jedoch, dass sie zumindest nicht die einzige ist, die legere Kleidung trägt.

Von Einschlafmusik keine Spur

Wir betreten den Konzertsaal und setzen uns auf unsere Plätze auf der Empore. Die Musiker nehmen kurz darauf ihre Plätze ein. Das Orchester bekommt erwartungsvollen Applaus, ebenso wie der Dirigent, Nicholas Milton. Als die ersten Töne der 1. Symphonie von Sergei Prokofjew erklingen, schreckt sie auf: „Jetzt bin ich wach“, scherzt Opitz. Die schnelle Melodieentwicklung des ersten Satzes scheint ihr zu gefallen. Von „Einschlafmusik“ keine Spur.

Buddy-Projekt des Musikwissenschaftlichen Seminars der Universität Göttingen: Sabrina Opitz besucht mit fachkundiger Begleitung zum ersten Mal ein Klassik-Konzert. Quelle: Marie Sandor

Nach dem ersten Satz wird es ruhig, niemand klatscht, auch nicht Opitz, die gelernt hat, dass man in klassischen Konzerten nicht zwischen den Sätzen applaudiert, um das Zusammenspiel der Sätze nicht zu stören. Dafür fällt der Applaus am Ende der Symphonie umso kräftiger aus. Einige Menschen jubeln laut, was Opitz überrascht. „Das hat das ganze etwas aufgelockert. Vielleicht ist es doch nicht so strikt wie man auf den ersten Blick glaubt.“ Begeistert ist sie auch von Dirigent Nicholas Milton, der nach dem Werk erst einmal auf humorvolle Art und Weise das Publikum begrüßt. „Der ist so cool“, schwärmt sie.

Georgische Filmmusik

Was folgt ist ein kurzer Exkurs in die georgische Filmmusik: „Eine kleine Daneliade“, komponiert von dem georgischen Komponisten Gija Kantscheli, der 2019 verstorben ist. Ein Kontrastprogramm zu den ansonsten klassischen Werken des Abends, mit außergewöhnlichen Klängen. Immer wieder erklingt ein „Kuu“, vokalisiert vom Orchester, was Opitz als „etwas verstörend“ empfindet. Ihr gefallen vor allem die langsameren Passagen: „Die hätte ich mir stundenlang anhören können.“

Auf die „Daneliade“ folgt das Trompetenkonzert in E-Dur von Johann Nepomuk Hummel. Die Solistin Selina Ott begleitet uns souverän durch das Konzert, Opitz ist begeistert von der Leistung der erst 21-Jährigen: „Die Trompeterin war extrem gut“, bemerkt sie. Sonst denke sie bei der Trompete sofort an einen „quietschigen Ton“, doch das sei hier gar nicht der Fall. Nach dem Trompetenkonzert gibt es wieder überschwänglichen Beifall. Ott gibt eine Zugabe und bekommt nochmal Applaus. „Hier wird ziemlich viel geklatscht, oder“, fragt Opitz.

Die Mischung macht‘s

In der Pause erzählt sie mir begeistert von ihren Eindrücken der ersten Hälfte. „Das erste fand ich sehr cool, hat mich ziemlich überrascht.“ Und von Kantscheli ist sie ganz berührt: „Das finde ich an Musikstücken super schön, wenn ich das mitfühlen kann. Das war richtig emotional.“ Es ist schön zu beobachten, wie sich in meiner Begleiterin eine Leidenschaft für Musik zeigt.

Nicht so überzeugt ist sie jedoch vom Trompetenkonzert, trotz ihrer Begeisterung für das Können der Solistin. Das Konzert empfand sie als lang und gleichförmig: „Es war irgendwann einfach zu viel.“ Verständlich, wenn man es nicht gewöhnt ist, klassische Musik aktiv zu hören.

Beethoven begeistert

Nach der Pause erklingt gewissermaßen der „Headliner“ des Abends, die 7. Symphonie von Ludwig van Beethoven. Beethoven ist der einzige der vier Komponisten, den Opitz bereits vor unserem Treffen kannte. Der war bereits im Schulunterricht Thema gewesen. Das große Finale des Abends ist zugleich auch das längste der gespielten Werke, was Opitz, wie sie mir hinterher erzählt, aber nicht anstrengt. Als der Schlussapplaus erklingt, ist sie aufrichtig begeistert: „Die letzte Symphonie hat mich geflasht. Weil das alles so unterschiedlich ist. Jeder Teil hat ein ganz anderes Tempo, ganz unterschiedliche Gefühle bringt das rüber.“ Opitz hat offenbar einen emotionalen Zugang zu der Musik des Abends gefunden. Und auch das Publikum scheint sie dann doch überrascht zu haben: „Toll, mit was für einer Leidenschaft die dabei sind!“

Eine positive Erfahrung

Als wir den Konzertsaal verlassen, ist Opitz sichtlich erschöpft von den vielen neuen Eindrücken und dem ungewohnten langen Zuhören. Das Konzert scheint ihr aber gefallen zu haben. „Ich bin positiv überrascht.“

Mich interessiert, ob sie sich vorstellen könnte, von nun an öfter in Konzerte zu gehen. „Hm, vielleicht wenn es ein bisschen moderner ist? Es gibt ja jetzt von dem Symphonieorchester das Filmmusik-Konzet, das könnte was für mich sein.“ Wenn es klappt, möchte sie Freunde mitbringen. Scheint, als hätte Opitz aus der neuen Erfahrung etwas mitnehmen können.

* Autorin Marie Sandor ist Studentin der Musikwissenschaften und der Englischen Philologie

Konzertvorbereitung von Kinder-Uni bis Schlussapplaus

Berufspraxisim Bereich Musikvermittlung sammeln – das war das Ziel des Seminars, in dem auch der Beitrag über das Buddy-Projekt entstanden ist. Zehn Studierende der Musikwissenschaft an der Universität Göttingen gestalteten fünf Projekte rund um das Konzert des Göttinger Symphonieorchesters (GSO) am Donnerstag. Eine Einführung für Kinder bei der Kinder-Uni, Texte fürs Programmheft zum Konzert, ein Bericht zur Probenarbeit und zum Konzert auf dem Blog „Mein Göttingen“, ein Radiofeature im Stadtradio Göttingen sowie der Bericht fürs Tageblatt. Ziel des Klassik-Buddies-Projekts war die Annäherung an klassische Musik auf persönlicher Ebene. Es ist eine Form der Musikvermittlung, die auf die zunehmende Distanz vieler Menschen zum Konzertbetrieb reagiert. Die Idee ist an die Erasmus-Buddies angelehnt: In diesem Fall wird eine Klassik-Einsteigerin von einer Studentin der Musikwissenschaft zu einem Konzert begleitet. Der erfahrene Buddy nimmt den unerfahrenen bei seinem allerersten Konzertbesuch an die Hand. Jenseits von Berührungsängsten und Vorurteilen gegen Orchesterkonzerte eröffnet sich so ein individueller Zugang zur Welt klassischer Musik.

Der Buddy erhält Hilfestellung und Orientierung, um die Werke kennen zu lernen. Sein eigenes Hörerlebnis und die Wirkung der Musik stehen im Vordergrund. Die Kooperation des Musikwissenschaftlichen Seminars mit dem GSO soll fortgesetzt werden.

Von Marie Sandor

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