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Göttingen Das Rückgrat der Menschenrechtsidee
Campus Göttingen Das Rückgrat der Menschenrechtsidee
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18:00 08.07.2011
Wurzel des Rechts: Das Gebäude des ehemaligen Preußischen Oberverwaltungsgerichts in Berlin.
Wurzel des Rechts: Das Gebäude des ehemaligen Preußischen Oberverwaltungsgerichts in Berlin.
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Starck, der von 1991 bis 2006 Richter des Niedersächsischen Staatsgerichtshofs war, sprach vor 50 Zuhörern im Roten Saal, und man musste gar nicht Jurist sein, um aus dem Vortrag Interessantes und Nachdenkenswertes zu schöpfen.

So liegen die historischen Wurzeln für Gesetze of tiefer, als der Laie vermuten mag. Das Verhältnismäßigkeitsprinzip etwa, also die Vorgabe, dass staatliche Eingriffe in die Freiheit des Bürgers geeignet, erforderlich und verhältnismäßig sein müssen, geht auf die Rechtssprechung des Preußischen Oberverwaltungsgerichts im 19. Jahrhundert zurück. Auch die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 hat, wie Starck ausführte, eine wenig bekannte Vorgeschichte, die nach Spanien führt, zurück zu Columbus‘ Entdeckung Amerikas: Der Moraltheologe Francisco de Vitoria hielt damals fest, dass die Ureinwohner Amerikas Geschöpfe und Ebenbilder Gottes seien und formulierte damit bereits „gewisse natürliche Freiheiten des Einzelnen gegenüber dem Staat“, wie der 74-jährige Starck betonte, was wichtige Konsequenzen für die damalige Rechtsstellung gehabt habe.

Vitorias Überlegungen machten gleichzeitig die geistigen Wurzeln der Grundrechte deutlich, meint Starck. Für ihn steht fest, dass „der geistige Urspung der Menschenrechte im Menschenbild des Christentums“ liegt. Denn das Christentum, erläuterte er, begreife den Menschen als Einzelperson. Und aus seiner Bezogenheit auf Gott leite der christliche Individualismus einen Wert des Einzelnen sowie die Gleichheit aller Menschen ab.

Mit den Menschenrechten hänge eng die Gewaltenteilung zusammen, Starck meint sogar, sie sei „das Rückgrat der Menschenrechtsidee.“ Auch sie lasse sich auf christliche Wurzeln zurückführen, die Erbsündenlehre Augustinus‘ halle etwa noch in der 1788 von James Madison verfassten Begründung für die Notwendigkeit einer Gewaltenteilung nach. „Wenn die Menschen Engel wären, wäre keine Regierung notwendig. Wenn Engel die Menschen regierten, wäre weder eine äußere noch eine innere Kontrolle der Regierung nötig“, zitierte Starck aus dem Text.

In seinem 45-minütigen Vortrag zeichnete er mit schnellem Schritt die Entwicklung der Rechtskultur vom Christentum bis zur Gegenwart sowie die Rechtsperversionen im NS-Regime und Marxismus-Leninismus nach. Seinen Vortrag schloss Starck mit Beispielen für „leise und schleichende Gefährdungen“, die er unter anderem in zu detaillierten Gesetzen sieht, da sie das Recht unverständlich machen würden. Er erinnerte daran, dass Schulen und Eltern Errungenschaften der Rechtskultur immer wieder vermitteln müssten, „damit sie in jeder Generation Wurzeln schlagen können.“

Von Telse Wenzel