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16:31 18.05.2018
Berthold Vogel und Nicole Mayer-Ahuja, die Direktoren des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI). Quelle: Niklas Richter
Göttingen

Das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) wird 50. Zum Jubiläum sprachen wir mit Nicole Mayer-Ahuja und Berthold Vogel, den Direktoren des SOFI, über ein weites Feld: die Arbeit der Zukunft.

Das SOFI wird 50 – wo steht es heute?

Vogel: Wir sind Ende der 60er-Jahre mit der Frage gestartet, wie sich die Gesellschaft durch den technischen Wandel verändert. Damit kann man ziemlich gut die Brücke zu den heutigen Debatten um Digitalisierung schlagen, inwieweit der technologische Wandel die Arbeitswelt beeinflusst. Worin sich das SOFI ebenfalls treu geblieben ist – und das macht seine Stärke aus – ist die Kombination von grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung. Wir wollen mitgestalten, deswegen gehen wir zu den Leuten, in die Betriebe oder Behörden und reden mit ihnen. Das über 50 Jahre zu leisten, muss man erst einmal schaffen, denn wir sind im wesentlichen drittmittelfinanziert. Dahinter steht auch die große Leistung unserer Vorgänger.

Mayer-Ahuja: Das SOFI ist damals schon mit einem großen Renommee gestartet, da seine Gründer eine gewichtige Stimme in der breiten gesellschaftlichen Diskussion über Rationalisierung durch technischen Wandel hatten. Heute sind wir eines der arbeitssoziologischen Institute in Deutschland, die mit am präsentesten sind – wissenschaftlich, aber auch gesellschaftspolitisch. Die Diskussionen über Arbeit haben ihre Hochs und Tiefs, momentan erleben wir jedoch, dass das Thema zurückkommt. Wir sind derzeit so gefragt wie lange nicht mehr.

Woher kommt diese Nachfrage?

Mayer-Ahuja: Aus der Wissenschaft, aber auch ganz klar aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft: Unternehmen, Gewerkschaften, Parteien, Kirchen, Vereine. Ich bin beispielsweise seit einiger Zeit im Digitalrat Niedersachsen tätig, Berthold Vogel wurde in eine hochrangige Kommission des Deutschen Gewerkschaftsbundes berufen, berät zugleich die Deutsche Bischofskonferenz. Viele Kollegen werden regelmäßig von Gewerkschaften oder Verbänden angefragt, die sich unter anderem darüber Gedanken machen, was in Zeiten der Prekarisierung zu tun sei.

Vogel: Öffentliche Institutionen setzen sich heute viel stärker mit der Frage auseinander, wohin wir uns bewegen müssen – und zwar auf eine sehr grundsätzliche Weise. Etwa wie die Zukunft des Sozial- und Rechtsstaates aussehen wird, wie wir Gesellschaft in Zeiten demographischen Wandels, Digitalisierung und Globalisierung organisieren müssen. Unser Fokus liegt zwar immer auf der Arbeit, aber die sagt viel über die Veränderungen des Sozialen insgesamt aus.

Mayer-Ahuja: Zentrale Themen, über die gestritten wird, haben heute stärker mit Arbeit zu tun. Seit einigen Jahren verspricht man sich etwa gesellschaftliche Teilhabe und Integration vor allem durch Arbeit – das kommt in Aktivierungsstrategien in der Sozialpolitik oder im Umgang mit Geflüchteten zum Ausdruck.

Arbeit in Deutschland – welche großen Themen müssen dringend angepackt werden?

Vogel: Für eine der größten Baustellen halte ich die Frage, wie es mit dem öffentlichen Sektor weitergeht, der eine ganz zentrale Funktion für die Gesellschaft hat: die Organisation des Zusammenhalts und der sozialen Daseinsvorsorge, die Verteilung öffentlicher Güter. Wie sollen diese künftig organisiert werden? Welchen Stellenwert haben öffentliche Leistungen von Krankenhäusern, Stadtwerken und Verwaltungen? Wie kann der öffentliche Sektor attraktiv für junge Menschen bleiben? Mir ist die Diskussion um Arbeit zu oft alleine auf Industrie und Großbetriebe konzentriert.

Mayer-Ahuja: Ein weiteres großes Thema ist die Prekarisierung von Arbeit, also die Zunahme einer Form von Lohnarbeit, die weniger als früher mit sozialer Sicherung verbunden ist und für eine dauerhafte Lebensplanung taugt. Das Thema wurde jahrzehntelang links liegengelassen, dabei besteht dort ein enormes Konfliktpotenzial – Deutschland hat den größten Niedriglohnsektor in Europa. Weitere Themen sind die Entwicklung der Technologie und die Anpassung des Qualifikations- und Ausbildungssystems. Ein Teil der Mitarbeiter bekommt anspruchsvollere Tätigkeiten, andere werden leichter austauschbar. Wie organisiert ein Unternehmen das, wie können Gewerkschaften mit der Entwicklung umgehen? Und wie sehen eigentlich die Qualifikationsstrukturen aus, die wir dafür brauchen? Momentan beobachten wir einen ziemlichen Druck auf das duale Ausbildungssystem, einerseits durch die Tendenz zur Akademisierung, andererseits, weil ein zunehmender Teil der jungen Menschen nach der Schule gar keinen Einstieg mehr in die duale Ausbildung findet. Diese Tendenz wirft viele Fragen auf.

Sehen Sie eine Spaltung der Gesellschaft in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft aus verfestigter Armut und Reichtum?

Mayer-Ahuja: Das Auseinanderklaffen von Arm und Reich ist ein Fakt. Prekäre Beschäftigung, auch Armut trotz Arbeit, hat zugenommen und sich als gesellschaftliches Phänomen verfestigt. Was wir genauer wissen müssten, ist, ob sich eine Gruppe von Menschen herausbildet, die dort stark vertreten ist und bleibt. Und ob deren Kinder auch dort landen.

Vogel: Die Digitalisierung attackiert zudem klassische Mittelschichtberufe. Wie wird es mit der Mitte der Gesellschaft weitergehen, welche Fachqualifikationen reichen noch aus? Das Versicherungsgewerbe und Banken scheinen in hohem Maße betroffen zu sein. Das sind Berufslaufbahnen in der Mitte der Gesellschaft, die in 15 Jahren ganz anders aussehen werden. Ebenso im Handwerk – ein zentraler Ort des Wirtschaftslebens, im Übrigen gerade im ländlichen Raum. Diese Entwicklungen sind nicht ohne Folgen für sozialen Zusammenhalt.

Wie vereint man die Trends zur Robotisierung, schneller werdenden Spezialisierung in verschiedenen Arbeitsbereichen und Ausbildung miteinander?

Mayer-Ahuja: Es gibt viele Studien, die ein Drittel bis gar die Hälfte der Arbeitsplätze durch Robotisierung in Gefahr sehen. Diese Befürchtung teilen wir nicht. Die Erfahrungen mit technischen Innovationszyklen zeigen, dass das technische Potenzial nur eine Seite der Medaille ist. Die andere ist, was davon tatsächlich eingesetzt wird. Darüber entscheiden nicht in erster Linie die technische Machbarkeit, sondern die Kräfteverhältnisse in Unternehmen und Gesellschaft. Personenbezogenen Dienstleistungen werden davon vermutlich weniger stark betroffen sein als Industriearbeitsplätze. Natürlich gibt es Diskussionen über Pflegeroboter, ich bin jedoch skeptisch, ob die sich je durchsetzen werden, gerade weil in dem Bereich der Kontakt zwischen Menschen so enorm wichtig ist. Bei der Qualifizierung gehen die Diskussionen in die Richtung, dass man die Ausbildung flexibilisieren muss und Menschen darauf vorbereitet, immer wieder selbst weiter zu lernen.

Vogel: Wenn man mit Leuten spricht, dann kommt ihnen die Digitalisierung wie eine Naturgewalt vor, gerade weil damit Horrorszenarien wie umfassende Prekarisierung verbunden sind. Das müssen wir als Soziologen jedoch erst einmal infrage stellen und konkret in einzelne Bereiche hineinschauen. Damit werden auch solche großen Entwicklungen handhabbar und besser diskutierbar. Angesichts der Gesamtentwicklungen spricht sehr viel dafür, sich über ein neues Konzept der Humanisierung von Arbeit zu verständigen. Dazu gehört einerseits, wie Arbeit betrieblich organisiert wird. Andererseits aber auch, als Gesellschaft nicht nur zu fragen, was wir machen können, sondern auch, was wir machen wollen und sollten. Dafür braucht es Maßstäbe. Sozialforschung muss hierzu einen Beitrag leisten.

Gespräch Sven Grünewald

Jubiläumstagung am 24. und 25. Mai

Unter dem Titel „Polarisierung(en). Zur Zukunft von Arbeit, Unternehmen und Gesellschaft“ sucht das SOFI zu seinem Geburtstag das Gespräch mit Wissenschaft und Öffentlichkeit. Die Tagung beginnt am Donnerstag, 24. Mai, ab elf Uhr in der Alten Mensa am Wilhelmsplatz 3 in Göttingen. Neben hochkarätigen Gastvorträgen werden in drei thematischen Panels zentrale Arbeitsthemen diskutiert. sg

Weitere Informationen unter www.sofi-goettingen.de

Von Sven Grünewald

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