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Göttingen Deutscher Kunsthistorikertag in Göttingen eröffnet
Campus Göttingen Deutscher Kunsthistorikertag in Göttingen eröffnet
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11:54 28.03.2019
Eröffnung des 35. Deutschen Kunsthistorikertages in der Aula am Wilhelmsplatz: Festvortrag des Generalintendanten des Berliner Humboldt Forums Prof. Hartmut Dorgerloh zum Thema „Das Ding an sich“. Quelle: Richter
Göttingen

Verunsichert, sowohl die Methodik ihrer Disziplin als auch die Herkunft ihrer Forschungsobjekte betreffend, seien er und seine Kollegen, erklärte der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker, Prof. Kilian Heck aus Greifswald, in der vollbesetzten Aula am Wilhelmsplatz. Die „Algorithmen der Empörung“ hätten viele verstummen lassen. Nichts zu sagen, erscheine ihnen „sicherer und bequemer“. Gleichzeitig erlebten Kunsthistoriker, dass ihr Fachwissen in den Gremien, die über die Mittelvergabe entscheiden, immer weniger gefragt sei.

Immanuel Kant und das „Ding an sich“

Die Unsicherheit beginne bereits beim „Ding an sich“, erklärte der Generalintendant des Humboldt Forums, Prof. Hartmut Dorgerloh, in seinem Festvortrag unter Bezug auf Immanuel Kant. Was ein Mensch erkenne, sei nicht der reale Gegenstand, sondern dessen Erscheinung, habe der Philosoph erklärt. Heute würden Kunsthistoriker erkennen, dass ihre Objekte „vollkommen unterschiedliche Anschauungsformen“ zuließen.

Büste einer Königsmutter aus Westafrika

Dorgerloh erläuterte das am Beispiel der Büste einer Königsmutter aus dem westafrikanischen Benin. In Europa seien solche Objekte aus dem 16. und 17. Jahrhundert erst Anfang des 20. Jahrhunderts als „Kunst“, als „primitive Kunst“, wahrgenommen worden. Heute sei im Westen von „Kunst aus Afrika“ die Rede. Viele Nigerianer der Gegenwart betrachteten die Objekte als „Weltkulturerbe“. Die Königsfamilie aus Benin selbst betone dagegen die „spirituelle Dimension“ solcher Büsten.

Tischbein, Lovis Corinth oder Franz Marc

Die Ausstellung „in einem glücklichen Augenblick erfunden. Deutsche Zeichnungen von Tischbein bis Lovis Corinth“ zeigt erstmals öffentlich den bedeutenden Bestand an Zeichnungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert der Kunstsammlung der Universität Göttingen. Sie wird im Rahmen des 35. Deutschen Kunsthistorikertages am Freitag, 29. März, um 20 Uhr im Auditorium, Weender Landstraße 2, Hörsaal 11, feierlich eröffnet.

Die Ausstellung spannt einen Bogen von der Tischbein-Familie bis in die Klassische Moderne. Sie präsentiert Zeichnungen von Daniel Chodowiecki, Johann Georg von Dillis und Wilhelm Schadow bis zu Franz von Lenbach und Franz Marc. Einen besonderen Schwerpunkt bilden Werke der Romantik mit Carl Wilhelm Oesterley, dessen italienische Landschaften und feinsinnige Künstlerbildnisse zu den eindrucksvollsten Handzeichnungen überhaupt gehören. Die Düsseldorfer Schule ist unter anderem durch Eduard Bendemann vertreten, die sogenannten Deutsch-Römer durch Max Klinger. Der Bestand bietet in seiner vielseitigen Zusammensetzung die Möglichkeit, Geschichte und Diversität der Zeichenkunst in Deutschland abzubilden. Exemplarisch lassen sich anhand der im Atelier, in der Natur und auf Reisen entstandenen Zeichnungen die unterschiedlichsten Gattungen, Techniken und künstlerischen Aufgaben der Epoche aufzeigen.

Die gezeigten Blätter sind der Fachwelt zum großen Teil noch unbekannt. Sie gehen überwiegend auf Schenkungen und gezielte Ankäufe zurück. Göttinger Studierende des Masterstudiengangs „Kuratorische Studien“ und der Kunstgeschichte haben die Zeichnungen intensiv erforscht und für die Ausstellung ausgewählt. Besucher können diese im Rahmen der Sonntagsspaziergänge bis zum 13. Oktober 2019 besichtigen. Darüber hinaus bieten die Kunstsammlung und die Sammlung der Gipsabgüsse antiker Skulpturen der Universität während des Kunsthistorikertags Sonderöffnungszeiten an: Beide Sammlungen sind vom 27. bis 30. März jeweils von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Weitere Informationen gibt es unter www.kunstsammlung.uni-goettingen.de. pug

Ähnlich vielschichtig seien die Ergebnisse der Provinienzforschung, betonte der Professor. Briten hätten einen Teil der Kunst aus Benin, die sich heute in europäischen Museen befinde, Ende des 19. Jahrhunderts während eines Feldzugs erbeutet. Andere Stücke seien vorher und nachher gekauft worden. Geraubte Gegenstände ließen sich nicht einfach zurückgeben. Die politischen Parteien in Nigeria hegten unterschiedliche Vorstellungen. Andere Wünsche äußere die Königsfamilie von Benin, die auch nicht mit einer Stimme spreche. Das wolle das Humboldt Forum thematisieren.

Replik aus dem 3D-Drucker

Dorgerloh zog sich Handschuhe an und hob die Figur eines Stiers in die Höhe. Es handele sich nicht um das eigentliche Kunstobjekt, sondern um eine verkleinerte Replik aus dem 3D-Drucker, verriet er. Das Original bilde das Tier in Lebensgröße ab. In den Augen gläubiger Hindus handele es sich nicht um Kunst, sondern um ein Kultobjekt. Der Stier, das Reittier des Gottes Shiva, sei früher von Priestern durch die Straßen getragen worden.

Kunst oder Kultobjekt?

Aufgrund von Schäden, so der Generalintendant, sei das Objekt dann aber in den Augen der religiösen Führer nicht mehr würdig gewesen, „Reittier“ zu sein. Aus ihrer Sicht handele es sich bei der Skulptur seither um „Tempelschrott“. Ihn in einem Museum mit seinem originalen Schmuck zu zeigen, würde gegen hinduistische Glaubensvorstellungen verstoßen. Auch das werde das Humboldt Forum dokumentieren.

Statuen dienten der „dynastischen Legendenbildung“

Ähnlich vielschichtig seien die Anschauungsformen von Kunst aus Europa, führte der Generalintendant aus. Er erläuterte das anhand von elf Statuen Brandenburger Kurfürsten. Einst hätten sie im Alabastersaal des Berliner Schlosses der „dynastischen Legendenbildung“ gedient, diese Funktion aber noch während der Hohenzollern-Herrschaft verloren. Mehrfach hätten sie den Standort gewechselt, seien zwischenzeitlich „vergessen“ gewesen und fänden nun im Forum, das an der Stelle des zerstörten Schlosses stehe, einen neuen Ort. Ähnliche Bedeutungswandlungen hätten Gemälde von DDR-Künstlern aus dem einstigen Palast der Republik erlebt. Er habe einst an der Stelle des Schlosses gestanden, sei aber nach der Wende abgerissen worden. Auch die Gemälde fänden eine neue Heimat im Humboldt Forum.

Göttingens neues Museum Forum Wissen

Grußworte bei der Eröffnung sprachen die Niedersächsische Staatssekretärin für Wissenschaft und Kultur, Sabine Johannsen, und die Präsidentin der Universität Göttingen, Prof. Ulrike Beisiegel. Letztere bekam Lob für das geplante Museum Forum Wissen.

Von Michael Caspar

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