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Göttingen Die Wurzel der Wissenschaften fördern
Campus Göttingen Die Wurzel der Wissenschaften fördern
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16:00 25.02.2017
Auf dem Podium (v.l.): Moderatorin Prof. Hedwig Röckelein (Germania Sacra), Prof. Brigitte Reinwald (Universität Hannover), Dr. Gabriele Heinen-Kljajic (Nds. Ministerin für Wissenschaft und Kultur), Prof. Thomas Kaufmann und Prof. Ruth Florack (beide Universität Göttingen). Quelle: Mischke
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Göttingen

Gabriele Heinen-Kljajić (Bündnis 90/Die Grünen), niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Prof. Brigitte Reinwald aus Hannover sowie Prof. Ruth Florack und Prof. Thomas Kaufmann aus Göttingen schilderten ihren Gesprächspartnern und den zahlreich erschienenen Gästen unter Moderation von Prof. Hedwig Röckelein vom Projekt Germania Sacra ihre Meinungen und Perspektiven. Schon Universitätspräsidentin und Naturwissenschaftlerin Prof. Ulrike Beisiegel stellte in ihren Grußworten unmissverständlich die gesellschaftliche Relevanz der Geisteswissenschaften abseits des vermeintlichen realitätsfernen Elfenbeinturms, in dem sie oft verortet werden, heraus.

Nicht der Mensch müsse an die neuen Technologien angepasst werden, sondern umgekehrt müssen man die Technologien, die Errungenschaften der Naturwissenschaften, an den Menschen anpassen. Hierfür, für die  Beantwortung ethischer Fragen wie für das Erklären gesellschaftlicher Prozesse und Phänomene, so waren sich im Anschluss auch die Diskussionsteilnehmer einig, seien Geisteswissenschaften prädestiniert und unverzichtbar. Schließlich gehe jede Wissenschaft über Natur und Technologie auf die Geisteswissenschaft Philosophie zurück.

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"Geisteswissenschaften fehlt es auf den ersten Blick oft an lebenspraktischem Bezug", Prof. Hedwig Röckelein

Vorteil einer Naturwissenschaft sei, dass Erfindung per se zunächst Interesse und Wohlwollen in der Gesellschaft auslöse. Interesse außerhalb der Universitäten sei essentiell für Akzeptanz – und finanzielle Bezuschussung – einer Wissenschaft. In den Geisteswissenschaften fehle es auf den ersten Blick oft an lebenspraktischem Bezug, so Röckelein. Das Beispiel der Arabistik verdeutliche allerdings, dass auch ein „kleines“ Fach, das einst ums Überleben kämpfte, nun aufgrund seiner kulturellen, sprachlichen und politischen Expertise Konjunktur habe. Das Problem gerade dieser kleinen Fächer sei, so Reinwald, dass sie mit den personell besser aufgestellten und „messbar“ leistungsstärkeren naturwissenschaftlichen Fächern um die Mittel des Landes buhlen müssten.

Die leistungsorientierte Mittelvergabe des Landes sei auf zehn Prozent gedeckelt, erwiderte Heinen-Kljajić. So sei es nicht nur an der Landespolitik, sondern auch an den Universitäten, zu kalkulieren und den Stellenwert ihrer Fächer zu bestimmen.

Der von Röckelein eingeworfene Gedanke, die Grundlagenforschung und Langzeitprojekte ohne zeitliches Limit an außeruniversitäre Institute auszulagern, stieß vor allem bei Kaufmann auf Gegenwehr. Mit schneidiger Provokation unterstellte er den Geisteswissenschaften einen „Hang zur Behäbigkeit“: „Ein Alter von 100 Jahren ist keine Tugend für ein Projekt“. Eine Deckelung auf 25 Jahre sei vernünftig. Forschung koste allerdings Zeit, nicht nur Geld, entgegnete Florack. Misslich sei, fügte sie an, dass der Fokus an Universitäten auf Lehre, Verwaltung und Drittmittelanträgen liege und „Forschung in Drittmittelprojekte gerückt“ würde.

Einig waren sich die Diskutanten in der nicht ganz neuen Erkenntnis, dass eine interdisziplinäre, global ausgerichtete Forschungskultur die Sichtbarkeit und Konkurrenzfähigkeit der Geisteswissenschaften stärken würde. Nach mehr als 90 Minuten endete die kontroverse Standortbestimmung der Geisteswissenschaften ohne eindeutige Perspektive, aber mit wohlwollenden Ansätzen von Politik, Hochschulleitung und Forscherinnen.

Von Katharina Kilburger

"Germania Sacra"

Zeit ist ein relevanter, oft unterschätzter  Baustein für gelungene Forschungsprojekte. Im Jahr 1917 gründete Paul Fridolin Kehr in Berlin das erste geisteswissenschaftliche Großprojekt „Germania Sacra“, das bis heute die Kirche des alten Reiches und ihre Institutionen erforscht. Seit 2008 ist das Projekt an der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen angesiedelt. Inhaltliche Relevanz sowie zukunftsweisende Forschungsformate aufzuzeigen und zu diskutieren sowie bisher Erreichtes im Projekt zu bilanzieren, war das Ziel der internationalen Tagung mit dem Titel „Geisteswissenschaftliche Großforschung gestern, heute, morgen“, die Germania Sacra zu ihrem 100-jährigen Bestehen veranstaltete.