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Göttingen „Die finstere Seite der 68er-Revolte“ in Göttingen
Campus Göttingen „Die finstere Seite der 68er-Revolte“ in Göttingen
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00:16 14.11.2017
Prof. Albrecht Schöne. Quelle: Christoph Mischke
Göttingen

Es waren vor allem „die aggressiven Hasstiraden“, die Schöne bis heute spürbar nahe gehen: „Krassen Worte, die auch Taten sein können.“ „Untaten“, die die im allgemeinen positiv besetzte und bisweilen glorifizierte Studenten-Revolte in den Jahren ab 1968 ausgezeichnet habe. Mit seiner Beschreibung dieser „finsteren Seite“ und seinen ergreifenden Erinnerungen überraschte der 92-Jährige am Sonnabend als Hauptredner die Gäste der traditionellen Jahresfeier der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen in der Universitätsaula: kein wissenschaftlicher Vortrag aus den bedeutenden Werken Schönes über Goethes Faust oder Lichtenberg. Stattdessen seine ganz persönliche Abrechnung mit „linksradikalen und aggressiven“ studentischen Gruppen, die schon bald nach Beginn der „berechtigten und erforderlichen“ Aufarbeitung des Nationalsozialismus, des Schweigens der Elterngeneration und der verkrusteten Strukturen an den Universitäten die Revolte vereinnahmt hätten.

„Ich galt wohl als liberaler Scheißer“

Schöne - von 1958 bis 1990 lehrender Professor in Münster und (ab 1960) in Göttingen kann sich nach eigenen Angaben bis heute nicht wirklich erklären, warum auch er zur Zielscheibe der radikal aufbegehrenden Studenten wurde. „Ich galt wohl als einer der ‚liberalen Scheißer’ „, die als junge Lehrende „sogar besonders verhasst waren“, weil sie sich in die damals klassischen Uni-Strukturen einfügten. „Ich habe irgendwie zwischen den Stühlen gestanden“, beschreibt Schöne die Situation - angefeindet von der einen und missbilligend beargwöhnt von der anderen Seite“.

Rechenschaftsbericht und Sorge um Freiheit der Wissenschaft

Auch in den Grußworten zur Akademiefeier spielten Demokratie, die freie Meinungsäußerung und besonders die Freiheit der Wissenschaften eine zentrale Rolle. „Der aktuelle Zustand ist besorgniserregend“, mahnte Niedersachsend Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajić (Grüne) mit Blick auf Fake-News, Populismus sowie Unterdrückung von freier Wissenschaft und Pressefreiheit in immer mehr Ländern der Erde. „Demokratie lebt vom Austausch der Meinungen“, so die Ministerin. Und Wissenschaft brauche Freiheit, um aus sich selbst heraus immer wieder die Frage zu stellen, ob sie auf dem richtigen Weg ist. Auch der Präsident der Akademie zu Göttingen, Prof. Andreas Gardt, fürchtet, „dass uns die Freiheit der Wissenschaft noch lange beschäftigen wird, vor allem dann, wenn sie gefährdet ist“.

Neue Projekte zur Digitalisierung

Die Akademie der Wissenschaften vereint Professoren der Geistes- und Naturwissenschaften, die sich auf ihrem Fachgebiet in besonderer Weise verdient gemacht haben. Sie sind eng miteinander vernetzt und arbeiten interdisziplinär - und leisten damit einen weiteren Beitrag für die Freiheit der Wissenschaft. Dazu gehörten auch 25 große Projekte, die die Akademie zurzeit unterstütze, so Gardt. Eine immer größer werdende Rolle spiele dabei die Digitalisierung von Schriften, Objektfotos und Ergebnissen, die damit allen Forschern zugänglich gemacht werden können. Als Beispiel nannte Gardt unter anderem die Prize Papers. Bei diesen Prisenpapieren handelt es sich um einen großen Archivbestand unzähliger Schriften und Objekte aus Kaperungen britischer Kriegsschiffe vom 16. bis 19. Jahrhundert – die jetzt digital erfasst werden.

Die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen ist die älteste durchgehend bestehende Einrichtung unter acht wissenschaftlichen Akademien in Deutschland. Sie besteht aus zwei gleichberechtigten Klassen: der mathematisch-naturwissenschaftlichen und der geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Klasse. Jede Klasse kann bis zu vierzig ordentliche Mitglieder unter 70 Jahren haben. Hinzu kommen bis zu zweihundert korrespondierende Mitglieder.

Mehrfach seien seine Vorlesungen vor bis zu 700 Studenten massiv gestört und ihm auch sein Manuskript entrissen worden. Vorlesungen galten bei sozialistische Basis und Ad-Hoc-Gruppen als reaktionär und überflüssig. Reaktionär, weil aus ihrer Sicht nur einer redete und alle anderen zuhören mussten. Und das habe bereits als undemokratisch und kapitalistisch-hierarchisch gegolten. Überflüssig, weil seit Erfindung des Druckes Vorlesungen nicht mehr erforderlich seien - allenfalls als Forum für offene Diskussionen. „Ich habe dann acht Jahre lang keine Vorlesungen mehr angeboten“, so Schöne.

Schlimmer als solche Störungen oder auch Handgreiflichkeiten während der damaligen Störaktionen habe er die zunehmende „Aggression und ungeheuerliche Brutalität“ in manchen Schriften und persönlichen Äußerungen der Protestierenden empfunden - auch viele Jahre nach den 1968ern noch: Indirekte Morddrohungen am Telefon mit Hinweisen auf die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback (1977) durch die RAF, Flugblätter mit als Satire ausgewiesenen Sprüchen wie „Übernehmt die Institute“, „Werft die alten Scheißer raus“ und „Vögelt ihre Töchter“.

„Das waren keine gelegentlichen Entgleisungen“, sagt Schöne. Und so manche der hasserfüllten, ideologisch geprägten, ausgrenzenden und aggressiven Aussagen und Vorgehensweisen seien kaum anders zu bewerten als die ersten nationalsozialistischen Aufrufe zur Judenverfolgung und fremdenfeindlichen wie populistischen Angstmacher-Sprüche heute. Mit fast gebrochener Stimme und mahnenden Worten beendete Schöne seine ganz persönlichen Erinnerungen an die „68ger-Revolte“: „wieder, und wieder, und wieder ist es so....“. Und mit der Fetstellung, dass „Geschichte offenbar nicht dazu taugt, aus ihr zu lernen“. Immerhin aber gebe es aufmerksame Menschen, die die Warnsignale erkennen.

Theo Kölzer Quelle: Christoph Mischke
Bill Morandi Quelle: Christoph Mischke

Auszeichnung für Kölzer und Morandi

In jedem Jahr zeichnet die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen Wissenschaftler aus, die mit herausragenden Arbeiten einen bedeutenden Beitrag zur aktuellen Forschung in ihrer Disziplin geleistet haben. Mit dem Wedekind-Preis würdigte sie am Wochenende eine zweiteilige Publikation von Prof. em. Theo Kölzer (Universität Bonn) über „Die Urkunden der Karolinger. Die Urkunden Ludwigs des Frommen“. Der Preis wird durch die Wedekindsche Stiftung finanziert.

Den Akademiepreis für Chemie erhielt Dr. Bill Morandi (Max-Planck-Institut in Mülheim an der Ruhr) für seine „Beiträge zur reversiblen Transfer-Katalyse“ im Bereich der Kohlenforschung. Der Preis wird finanziert durch den Fond der Chemischen Industrie in Frankfurt und von Mitgliedern der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Klasse der Göttinger Akademie der Wissenschaften. us

Jahresfeier der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen: (v.l.) Prof. Albrecht Schöne, Heinen-Kljajić, Preisträger Prof. Theo Kölzer und Akademiepräsident Prof. Andreas Gardt. Quelle: Christoph Mischke

Von Ulrich Schubert

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