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Göttingen „Dokumente des Lebens“: Ausstellung der Akademie der Wissenschaften
Campus Göttingen „Dokumente des Lebens“: Ausstellung der Akademie der Wissenschaften
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15:55 30.10.2013
Nach ästhetischen Gesichtspunkten angeordnet: Randglossen an einer arabischen Handschrift von 1479. Quelle: Theodoro da Silva
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Göttingen

Es geht um die Katalogisierung der orientalischen Handschriften in Deutschland, kurz KOHD. 1957 wurde dieses ehrgeizige Projekt begonnen. Mit ihm soll ein Anspruch eingelöst werden, den Christian Gottlob Heyne, Leiter der Göttinger Universitätsbibliothek in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, so formuliert hat: Eine Bibliothek solle die „wichtigsten Schriften aller Zeiten und Völker“ versammeln.

Als das Projekt der Katalogisierung startete, schätzte man die Zahl der zu bearbeitenden Schriften auf etwa 14 000 ein. Die Zahl hat sich inzwischen vervielfacht – zum einen hatte man damals die Bestände unterschätzt, zum zweiten kamen im Lauf der Zeit zahlreiche Ankäufe hinzu. 1980 rechnete man mit rund 90 000 noch nicht katalogisierten Handschriften.

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Allein in Göttingen liegen etwa 400 nicht katalogisierte orientalische Handschriften. Inzwischen sind 147 Katalogbände erschienen, dazu 52 Supplementbände. Ursprünglich war als Projektende der 31. Dezember 2015 angesetzt. Vor wenigen Tagen wurde eine Verlängerung um sieben Jahre bis Ende 2022 genehmigt.

„Eine Brücke zwischen den kulturellen Welten"

Federführend bei der KOHD ist die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Arbeitsstellen sind in Berlin, Jena, Hamburg, Göttingen, Kassel und  Bonn. Ein paar Beispiele: Die Arbeitsstelle in der ehemaligen Bundeshauptstadt ist für tibetische Handschriften zuständig, in Göttingen werden Sanskrit-Handschriften aus den Turfanfunden, burmesische und singhalesische Handschriften sowie Mon-Handschriften katalogisiert. Die Mon sind ein Volk im östlichen Myanmar, das schon sehr früh über eine Schriftsprache verfügte.

Finanziert wird das Projekt im Rahmen des Akademienprogramms durch die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern.

Das geographische Spektrum der untersuchten Handschriften reicht von Arabien bis weit nach Asien hinein und schlägt, wie Prof. Johannes Bergemann, Dekan der Philosophischen Fakultät, bei der Ausstellungseröffnung formulierte, „eine Brücke zwischen den kulturellen Welten des Nordens und Südens sowie des Westens und des Ostens“.

In den erfassten Dokumenten gehe es weniger um literarische oder sakrale Zeugnisse, als in den meisten Fällen um sehr profane Dinge, etwa um Grundstückskäufe oder den Erwerb von Bräuten. Es handele sich also um „Dokumente des Lebens“.

Globalisierung keine Errungenschaft des 21. Jahrhunderts

Der emeritierte Göttinger Islamwissenschaftler Tilman Nagel umriss in seinem Beitrag zur Ausstellungseröffnung die Geschichte der Erforschung fremder Kulturen durch die Europäer. Als Triebfeder nannte er Wissbegierde und Entdeckerfreude, aber auch „schnödes Gewinnstreben und machtpolitische Ziele“. Der erste Lehrstuhl für Arabistik sei 1608 in Heidelberg errichtet worden.

Die Ausstellung umfasst sechs Vitrinen, in denen Kopien besonders wichtiger und außergewöhnlicher Handschriften zu sehen sind. Ihre Bedeutung kann ein Laie kaum erahnen. Erst wer den Begleitband studiert, kann den kulturellen und historischen Stellenwert dieser Dokumente wenigstens ungefähr einordnen.

Dass beispielsweise in alten arabischen Handschriften Zeugnisse über China, ja sogar chinesische Wörter in arabischer Schrift enthalten sind, verweist darauf, dass Globalisierung keine Errungenschaft des 21. Jahrhunderts ist.

Von Michael Schäfer

Die Ausstellung „Auf den Spuren des Morgenlandes“ ist bis zum 16. November montags bis freitags von 7 bis 22 Uhr, sonnabends von 10 bis 18 Uhr im Foyer des Kulturwissenschaftlichen Zentrums der Universität, Heinrich-Düker-Weg 14, zu sehen.

Zwei begleitende Vortragsveranstaltungen mit je drei Referenten sind am Freitag, 1., und Freitag, 8. November, um 15 Uhr in der Zentralbibliothek der SUB Göttingen, Platz der Göttinger Sieben 1, angesetzt.

„Wege zum geistigen Erbe der Menschheit. Die Katalogisierung der orientalischen Handschriften in Deutschland“, herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 2013, 108 Seiten. Das Buch ist in der Geschäftsstelle der Akademie, Theaterstraße 7, in Göttingen kostenlos erhältlich.