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Göttingen Durchbruch bei Alzheimerforschung
Campus Göttingen Durchbruch bei Alzheimerforschung
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16:17 05.11.2010
Alzheimer: Bei Mäusen kann Prof. Thomas Bayer die Erkrankung bereits stoppen.
Alzheimer: Bei Mäusen kann Prof. Thomas Bayer die Erkrankung bereits stoppen. Quelle: pid
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Das Verfahren beruht auf einer passiven Immunisierung. Die „Impfung“ verfolgt einen völlig neuen Ansatz. Es werden nicht wie bisher die so genannten Plaques im Gehirn bekämpft, sondern ein Eiweiß, das die Wissenschaftler als „Übeltäter“ für die Erkrankung verantwortlich machen. Die Forschungsergebnisse beruhen auf einer passiven „Impfung“ gegen Alzheimer. Als Wirkstoff setzen Bayer und sein Kollege Dr. Oliver Wirths, beide Alzheimerforscher in der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie, einen neu entwickelten Antikörper ein, der die giftigen Substanzen unschädlich macht. Um Menschen mit dem Wirkstoff zu behandeln, müsse der Antikörper humanisiert werden, erläuterte Bayer. Danach könne er dann zunächst an gesunden jüngeren Männern getestet werden.

Eine halbe Million Euro benötigen die Wissenschaftler, um dieses Ziel umzusetzen. Bayer ist zuversichtlich, genug Geld sammeln zu können. Die Universität habe bereits einen Antrag auf Förderung beim Bundesforschungsministerium gestellt. Bereits seit 20 Jahren arbeite die Forschungsgruppe an einem Konzept zur Bekämpfung der Alzheimerkrankheit.
Neu an dem Ansatz der Göttinger Forscher ist, dass der Antikörper gerade nicht auf die alzheimertypischen Eiweißablagerungen im Gehirn, die so genannten „Plaques“ zielt. Zielscheibe ist vielmehr eine besondere Molekülstruktur, die das Eiweiß „Pyroglutamat-Abeta“ ausbildet. Dieses Eiweiß haben die Göttinger Forscher als eigentlichen Verursacher ausgemacht. Mit einem speziellen Antikörper gegen dieses Eiweiß lässt sich schon früh dessen zerstörerische Kraft stoppen. Die jüngsten Forschungsergebnisse mit einem Mausmodell für die Alzheimer-Erkrankung versprechen laut Bayer einen erfolgreichen neuen Behandlungsansatz.

Bisherige Behandlungsstrategien richten sich in erster Linie gegen die so genannten Plaques. Diese alzheimertypischen Eiweißablagerungen bilden sich außerhalb der Nervenzellen.
Die Bedeutung der Plaques für den Krankheitsprozess wird jedoch in Fachkreisen kontrovers diskutiert. Berühmtes Beispiel dafür ist die amerikanische Nonnenstudie geworden. Mehr als 600 Nonnen wurden regelmäßig neuropsychologisch getestet. Einige von ihnen entwickelten auch Alzheimer. Überraschend war jedoch, dass sich auch viele „Plaques“ im Gehirn von Nonnen befanden, deren Wahrnehmung und Lernfähigkeiten völlig normal waren und keine Anzeichen für Alzheimer hatten. „Wir gehen davon aus, dass Plaques eine Art Mülleimer für das giftige Abeta-Eiweiß sind. Man sollte zwar die Entstehung bekämpfen, aber wenn sie schon vorhanden sind, ist es therapeutisch sinnvoller sie in Ruhe zu lassen“, sagt Bayer. „Genau da setzt unser Antikörper an“.

Bereits in früheren Studien hatten die Göttinger Alzheimerforscher in unterschiedlichen Tiermodellen nachgewiesen, dass entgegen bisheriger Annahmen nicht die Plaques den Tod der Nervenzellen auslösen. Sie fanden Beweise dafür, dass die zerstörerische Kaskade bereits viel früher und im Inneren der Nervenzelle in Gang gesetzt wird.
In der nun veröffentlichen Studie haben die Göttinger Wissenschaftler eine völlig neuartige Struktur des Pyroglutamat-Abeta-Peptids entdeckt und dagegen spezifische Antikörper entwickelt. „Diese Antikörper sind weltweit die ersten, die eine lösliche, besonders toxische Abeta-Variante erkennen. Anders als die bisherigen Antikörper, die für Immunisierungen benutzt wurden, binden sie vor allem nicht an Plaques“, sagt Bayer.

Die neu entwickelten Antikörper erkennen besonders giftige Verklumpungen von so genannten Oligomeren. Diese Eiweiße häufen sich im Gehirn von Alzheimer Patienten, dort vor allem in Nervenzellen und an Blutgefäßen an. Dies führt vermutlich zu Schädigungen der Blutgefäße. Durch die passive Immunisierung werden Antikörper zugeführt, binden die giftigen Oligomere und machen sie unschädlich. So werde vermutlich zwar keine Heilung erreicht, aber die Krankheit werde gestoppt.

ida/umg