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Göttingen Ethnologische Sammlung gibt im Jahr 1834 nach Göttingen gelangte Maori-Schädel zurück
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Ethnologische Sammlung gibt 1834 nach Göttingen gelangte Maori-Schädel zurück

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14:09 16.10.2020
Hinemoana Baker und Te Arikirangi Mamaku von der maorischen Delegation nehmen das schwarze Tuch ab, mit dem die tūpuna (Ahnen) während der Zeremonie bedeckt waren. Quelle: r / Harry Haase
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Göttingen

„Aus Respekt vor den Maori“ haben Verantwortliche der Universität Göttingen entschieden, zwei tätowierte Maori-Schädel nach Neuseeland zurückzugeben. Wie die Universität am Freitag mitteilte, erfolgte die Übergabe am Donnerstag in einer feierlichen Zeremonie. Die Schädel sind damit an das Te Papa-Tongarewa-Museum in Wellington gegangen.

Seit 1834 waren sie im Bestand der Uni Göttingen: Auf Vermittlung des englischen Königshauses hatte die Georgia Augusta die Toi moko erhalten. Seit 1934 zählten die Schädel zum Bestand der Ethnologischen Sammlung, inventarisiert als „Kopftrophäen“ der Maori.

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„Wir haben keine Informationen darüber, wie die beiden Toi moko von Neuseeland nach Europa gelangt sind“, so der Kustos der Sammlung, Dr. Michael Kraus. „Aus Respekt vor den Maori unterstützen wir jedoch gerne ihre Rückkehr.“ Die Maori besäßen eine enge Bindung an ihre Heimat, teilte die Universität mit. Mit der Repatriierung der beiden Schädel würden sie nun wieder mit ihrer Gemeinschaft und ihrem Land vereint.

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„Dies sind keine Objekte, sondern unsere heiligen Vorfahren (tūpuna). Wir können sie jetzt nach Hause bringen, wo sie hingehören“, erklärte Dr. Arapata Tamati Hakiwai, maorischer Ko-Leiter des Te Papa, wie das neuseeländische Nationalmuseum auch genannt wird. Dieses organisiert seit 2003 im staatlich geförderten Karanga-Aotearoa-Programm die Rückholung menschlicher Überreste von Maori und Moriori, die sich außerhalb Neuseelands befinden. Mehr als 600 Vorfahren konnten auf diese Weise zurückgebracht werden, heißt es weiter.

Toi moko sollen Anfang November ihre Ruhe finden

Die beiden Göttinger Toi moko sollen Anfang November im Te Papa ihre Ruhe finden. Da die genauen Stammesverbindungen der Schädel bisher noch nicht identifiziert werden konnten, fänden sie dort erst einmal ihren „heiligen Aufbewahrungsort“, so die Universität. Diese Repatriierung spiegele nach den Worten des neuseeländischen Botschafters in Deutschland, Rupert Holborow, die Freundschaft zwischen beiden Nationen wider. „Indem sie ihren Respekt für die einheimische Kultur Neuseelands demonstrieren, stärken die deutschen Kulturinstitutionen diese von gleichen Werten und Interessen getragene Verbundenheit“, wird Holborow zitiert.

Präsentation der Übergabevereinbarung: Te Arikirangi Mamaku, Koordinator des Repatriierungs-Programms, Prof. Andrea Lauser, Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Ethnologie, Hinemoana Baker, Maori elder, und Dr. Michael Kraus, Kustos der Ethnologischen Sammlung, Prof. Hiltraud Casper-Hehne, Vizepräsidentin der Universität Göttingen, Rupert Holborow Neuseeländischer Botschafter (hintere Reihe von links). Quelle: Harry Haase

Die Debatte über die Rückführung der Göttinger Schädel dauert seit Jahren an. Bereits 1992 hatte Neuseeland weltweit alle Maori-Köpfe aus Museen und Sammlungen zurückgefordert – etwa 500, um sie der Sammlung in Wellington zukommen zu lassen.

Ausgestellt wurden die Stücke – ein Männer- und ein Frauenkopf – seit 1991 nicht mehr, oder nur noch sehr selten – aus Rücksicht auf die Diskussion um die Rückführung von Exponaten in ihre Ursprungsländer. Diese drehte sich insbesondere um die Rückgabe menschlicher Relikte.

Der Göttinger Wissenschaftler Johann-Friedrich Blumenbach (1752-1840) hatte die beiden präparierten Köpfe im Jahr 1834 gekauft, berichtete das Tageblatt 2010. Sie stammen von der Westküste der Nordinsel, wie die Tatauierungen zeigen. Dabei handelt es sich um den wissenschaftlichen Begriff für Tätowierung.

Kustos Krüger lieferte Erkenntnisse zur Herkunft

Der ehemalige Kustos der Ethnologischen Sammlung, Gundolf Krüger, beschäftigte sich intensiv mit der Frage der Herkunft der beliebten Forschungs- und Sammlungsgegenstände aus Übersee. Die Maori hätten präparierte Köpfe von höher gestellten Persönlichkeiten und Feinden aufbewahrt. Wie Krüger 2010 dem Tageblatt erklärte, machten sie sich – mit steigender Nachfrage aus Europa – regelrecht auf die Jagd nach Köpfen. „Für einen Schädel gab es im Tausch zwei Gewehre“, sagte der Wissenschaftler damals. Hunderte Köpfe seien so nach Europa gebracht worden.

Blumenbachs Interesse soll dabei eher dem künstlerischen Aspekt des Tätowierens gegolten haben, weshalb er die Schädel eher als Kulturdokumente, denn als menschliche Überreste betrachtet haben soll. Ursprünglich habe sich ein dritter Kopf in der Sammlung befunden, fand Krüger heraus. Dieser verschwand 1942 auf ungeklärte Weise und befand sich daraufhin im Besitz eines belgischen Privatmannes.

Nun werden die Schädel nach Neuseeland gebracht, nicht nur aus Göttingen und Deutschland, sondern aus der ganzen Welt. Mehrere Hundert Stücke sollen in den vergangenen Jahren bereits dorthin gelangt sein.

Von red / bib