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Göttingen Formen- und Farben-Vielfalt verstehen
Campus Göttingen Formen- und Farben-Vielfalt verstehen
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18:11 22.09.2009
1995 in ihrem Tübinger Institut: Christiane Nüsslein-Vollhard mit Fruchtfliegen-Proben.
1995 in ihrem Tübinger Institut: Christiane Nüsslein-Vollhard mit Fruchtfliegen-Proben. Quelle: rtr
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Zahlreiche Bilder veranschaulichten den Vortrag „Von Fliegen und Fischen und der Entstehung der Wirbeltiere“ von Nüsslein-Volhard, die ihn mit einem Überblick über die evolutionären Gemeinsamkeiten der verschiedenen Tierarten begann. Bereits Johann Wolfgang von Goethe stellte anhand einer Schädelsammlung fest, dass „der Mensch aufs Nächste mit dem Tiere verwandt“, zitierte. Charles Darwin – für Nüsslein-Vollhard „der größte Biologe aller Zeiten“ – bestätigte diese Theorie der Verwandtschaft anhand der Gemeinsamkeiten von Frosch, Fisch, Huhn und Maus im Embryonalstadium.

Die Biologin erläuterte die Parallelen der Embryonalentwicklung von Insekten und Wirbeltieren. Die meisten der von ihr entdeckten Gene der Taufliege steuern auch bei den Wirbeltieren wichtige Vorgänge. Die Prozesse bei den Wirbeltieren sind allerdings komplexer.
In der Embryonalphase entsteht bei den Wirbeltieren eine Neuralleiste entlang des Rückenmarks, deren Stammzellen in den Körper abwandern und den Embryo mit den verschiedenen Organen ausstatten. Diese sind auch verantwortlich für die Pigmentierung von Fischen im Embryonalstadium. Wie aber erhält der erwachsene Fisch seine Farben und Streifen? Nüsslein-Volhard ist fasziniert von der „unglaublich großen Vielfalt an Formen, Farben und Farbmustern“ bei Fischen. Und das Anliegen ihrer Forschung sei, „diese Vielfalt zu verstehen“.

Durchsichtige Fische

Dafür untersucht die Biologin sich entwickelnde Zebrafische. Die Wanderung der Zellen lässt sich wegen seiner durchsichtigen Farbe am lebenden Tier beobachten. Während Säugetiere nur einen Pigmentzelltyp haben, sind es bei Fischen drei. Insgesamt seien mehr als 100 Gene identifiziert, „die in irgendeiner Form für die Pigmentierung verantwortlich sind“, erklärte Nüsslein-Vollhard. Außerdem wurden bereits verschiedene Mutantengene entdeckt, die teils in ähnlicher Form beim Menschen vorkommen. Woher aber die Stammzellen für die Streifen kommen, die entstehen, wenn die Neuralleiste verschwunden ist, ist noch unklar. Nüsslein-Volhards Hypothese: Eventuell spielen die Nervenknoten des peripheren Nervensystems hierbei eine entscheidende Rolle.

Nüsslein-Vollhard, 1942 in Magdeburg geboren, begeisterte sich früh für die Natur, stellte Prof. Andreas Wodarz, Wissenschaftlicher Koordinator am DFG-Forschungszentrum CMPB und Direktor der Abteilung Stammzellbiologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), die Wissenschaftlerin vor. Sie begann ein Studium der Physik, Chemie und Biologie in Frankfurt, wechselte dann nach Tübingen, wo erstmals das Fach Biochemie angeboten wurde, in dem sie promoviert wurde. Später leitete sie verschiedene Forschungsgruppen.

Seit 1985 ist Nüsslein-Vollhard Direktorin der Abteilung Genetik am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. Im Jahr 1995 erhielt sie den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für ihre Forschungen über die genetische Steuerung der Embryonalentwicklung.

Die Biologin sei aber nicht nur eine herausragende Wissenschaftlerin, sondern auch eine „Wissenschaftspolitikerin“ erklärte Prof. Mathias Bähr, CMPB-Sprecher und Direktor der UMG-Abteilung Neurologie. Im Jahr 2004 gründete sie ihre eigene Stiftung (CNV), die begabte junge Wissenschaftlerinnen durch finanzielle Zuschüsse für die Kinderbetreuung fördert.

Von Noreen Hirschfeld