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Göttingen Forscher aus Göttingen: Großkonzerne oft nur zum Schein nachhaltig
Campus Göttingen Forscher aus Göttingen: Großkonzerne oft nur zum Schein nachhaltig
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12:11 04.02.2020
Im indonesischen Muara Sekalo untersuchten die Forscher die Auswirkungen einer Plantage auf Mensch und Umwelt. Quelle: r
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Göttingen

Was ist dran an der Behauptung großer Konzerne wie Michelin, dass sie ihre Rohstoffe auf nachhaltige Weise produzieren? Nicht viel, sagen Forscher von der Universität Göttingen. Sie haben eine Kautschukplantage des französischen Reifenherstellers in Indonesien und ihre Umgebung untersucht.

Das Team um Fenna Otten vom Geographischen Institut der Universität, Abteilung Humangeographie, verglich die offiziellen Stellungnahmen von Michelin mit der Wahrnehmung und den Berichten der lokalen Bevölkerung im indonesischen Dorf Muara Sekalo. Dabei seien erhebliche Abweichungen zwischen den Erzählungen deutlich geworden, berichten die Forscher.

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Auswirkungen der Plantagenwirtschaft treiben Bauern in den Ruin

Basis für das Forschungsprojekt war eine Zusammenarbeit mit indonesischen Forschern im Rahmen eines langjährigen Austauschs über die Funktionen tropischer Regenwälder. Otten führte in Muara Sekalo Interviews mit den Einwohnern. Diese hätten ihr von Landrechtskonflikten, der Zerstörung von Ökosystemen und des Lebensraumes von Elefanten berichtet, sagt die Forscherin. Der offizielle Anspruch von Michelin, Umweltschutz und faire Bezahlung zu garantieren, verliere dadurch deutlich an Glaubwürdigkeit.

Fenna Otten Quelle: r

Dabei sei die „Sustainable Natural Rubber Policy“ – die Konzernpolitik für nachhaltiges Naturgummi – in Zusammenarbeit mit dem Umweltschutzbund WWF entwickelt worden, sagt Otten. Demzufolge sollen die Plantagen von Michelin ökologisch und sozial nachhaltig sein – und ohne Abholzungen auskommen.

Die Erfahrungen der Dorfbewohner und Bauern erzählten eine andere Geschichte, berichtet Otten. Zusätzlich zu Umweltzerstörung und schlecht bezahlten Arbeitsplätzen hätten die durch die Plantage angerichteten Schäden weitere Auswirkungen gehabt: Elefanten, die ihren Lebensraum verloren hatten, seien auf der Suche nach Nahrung in die Parzellen der Dorfbewohner eingedrungen und hätten ihre Ernte zerstört. Einige Bauern seien gezwungen gewesen, ihre Landwirtschaft aufzugeben, weil sie sich eine Wiederbepflanzung nicht leisten konnten, sagt Otten.

Nachhaltigkeit als Werbestrategie

Tatsächlich hätten einzelne Menschen in Muara Sekalo auch von der Plantage profitiert. Dennoch könne das Projekt keineswegs als nachhaltig angesehen werden: „Nur, weil ein Produkt als umweltfreundlich gekennzeichnet oder gar zertifiziert ist, heißt das nicht, dass die Bedingungen vor Ort tatsächlich unseren Erwartungen entsprechen. Es besteht ein deutliches Missverhältnis zwischen dem, was viele Menschen unter Nachhaltigkeit verstehen, und dem, was wirklich passiert“, so Otten.

Als Ergebnis ihrer Untersuchung sei festzuhalten, dass viele angeblich nachhaltige Produktionsweisen großer Konzerne längst nicht so nachhaltig seien, wie die Unternehmen es behaupten. Vielmehr handele es sich oft um eine Werbestrategie – das sogenannte „corporate greenwashing“. Dabei stellen Firmen die umweltschonenden Aspekte ihrer Arbeit in den Vordergrund, um von den schädlichen Auswirkungen ihres Handelns abzulenken.

„Greenwashing“

Wenn Unternehmen sich mit hohem Werbeaufwand einen umweltfreundlichen Ruf zu erarbeiten versuchen, ohne wirklich etwas für den Umweltschutz zu tun, nennt sich das neudeutsch „Greenwashing“ – grün waschen. Der Begriff steht in Analogie zum „Weiß waschen“ oder der „weißen Weste“. In der Regel stellen Unternehmen beim „Greenwashing“ einzelne umweltfreundliche Aktionen oder Vorgehensweisen in den Vordergrund und bewerben sie stark. Häufig treffen die dabei getätigten Aussagen für sich genommen zu – etwa wenn ein Konzern verspricht, Bäume zu pflanzen oder Brunnen zu bauen. Tatsächlich aber bilden diese Aktionen beim „Greenwashing“ nur einen kleinen Teil der gesamten Konzernaktivitäten. Im Fall der von Göttinger Forschern um Fenna Otten besuchten Michelin-Kautschukplantage in Indonesien findet das „Greenwashing“ durch die Betonung des Schutzes bestimmter Waldflächen oder der Schaffung von Arbeitsplätzen statt – während erfolgte Abholzungen und schlechte Bezahlung in der Unternehmenskommunikation nicht vorkommen.

Vorschläge für Verbesserungen könnten die Forscher jedoch nicht machen, sagt Otten. Sie gehe aber davon aus, dass Umweltschutzorganisationen ihre Veröffentlichung aufgreifen. Mit dem Forschungsprojekt hätten die Forscher die Erzählung von sauberen Produktionswegen hinterfragen wollen – vom Einzelfall auf die Allgemeinheit zu schließen, sei jedoch auf Basis der Studie nicht möglich.

Von Tammo Kohlwes

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