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Göttingen Forscher aus Göttingen: Ist Biokraftstoff schlecht für die Umwelt?
Campus Göttingen Forscher aus Göttingen: Ist Biokraftstoff schlecht für die Umwelt?
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08:00 02.03.2020
Blick vom Flux-Turm über die Ölpalmenplantage in Jambi, Indonesien. - © Ana Meijide, Universität.jpg Quelle: r
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Göttingen

Im Ringen um die Energiewende setzen Unternehmen und Verbraucher in Deutschland auf unterschiedliche Mittel und Wege. Eine vermeintliche Möglichkeit, Emissionen einzusparen, sind Biokraftstoffe aus Pflanzenöl als Alternative zu fossilen Brennstoffen. Anschließend an die Kontroverse über die Nachhaltigkeit dieses Weges hat ein Forscherteam unter Leitung der Universität Göttingen die Emissionsbilanz von Biodiesel erforscht, teilt die Universität mit.

Ihre Ergebnisse haben die Forscher um Prof. Alexander Knohl, Fakultät für Forstwissenschaften der Universität Göttingen, und Dr. Ana Meijide, Fakultät für Agrarwissenschaften, in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ veröffentlicht. Ihre Schlüsse sind ernüchternd: In vielen Fällen steigert demnach die Produktion von Biokraftstoffen sogar den Ausstoß von Treibhausgasen.

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Das Problem

Viele vermeintlich umweltschonende Alternativen zu fossilen Brennstoffen haben ihre Schattenseiten, was ihre Umweltbilanz betrifft. Für Batterien von Elektroautos oder -rollern etwa werden Rohstoffe benötigt, für deren Abbau große Regenwaldflächen abgeholzt werden. Doch auch die Produktion pflanzlicher Kraftstoffe, sagen Kritiker, kann Nachteile haben: Dadurch, dass die Plantagen Flächen einnehmen, die sonst für den Anbau von Lebensmitteln genutzt werden könnten, oder dadurch, dass für diese Plantagen zuerst Wälder gerodet werden müssen.

Dr. Ana Meijide Quelle: r

Der Verbrauch von Biokraftstoffen sei in den vergangenen Jahren stark gestiegen, heißt es in der Mitteilung der Forscher. Um den Bedarf decken zu können, würden in den Tropen, vor allem in Indonesien, immer mehr Plantagen für Ölpalmen angelegt. In einer Richtlinie der Europäischen Union ist festgelegt, dass Palmöl-Biodiesel in der Gesamtbilanz im Vergleich zu fossilen Brennstoffen mindestens 60 Prozent weniger Treibhausgasemissionen aufweisen muss.

Die Forschung

Das Forscherteam um Knohl und Meijide hat überprüft, ob der Biokraftstoff tatsächlich eine bessere Umweltbilanz als fossile Brennstoffe aufweist. Die Wissenschaftler des deutsch-indonesischen Sonderforschungsbereichs „Ökologische und sozioökonomische Funktionen tropischer Tieflandregenwald-Transformationssysteme“ untersuchten die Umweltbilanz von Ölpalmenplantagen in der Provinz Jambi in Indonesien. Dafür maßen sie die Treibhausgasflüsse in der Umgebung der Plantagen während verschiedener Phasen des Ölpalmenanbaus. So erreichten die Forscher einen Überblick über den gesamten Produktionsprozess des Biokraftstoffs.

Die Ergebnisse

Prof. Alexander Knohl Quelle: r

Das Ergebnis der Untersuchung: Die Verwendung von Palmöl aus Plantagen, für deren Aufbau bestehende Wälder abgeholzt wurden, ist im Vergleich zu fossilen Brennstoffen nicht umweltschonender. Im Gegenteil: Insgesamt gesehen werden auf diese Weise rund doppelt so viele Treibhausgase freigesetzt als bei der Produktion und Verbrennung fossiler Brennstoffe. Plantagen, für die keine Wälder gerodet werden müssen, haben eine bessere Bilanz. Aber: Nur, wenn die Pflanzen sich mindestens im zweiten „Rotationszyklus“ befinden, also zum wiederholten Mal zur Ölgewinnung genutzt werden, wird laut den Zahlen der Wissenschaftler die EU-Richtlinie eingehalten.

Warum kann Biokraftstoff umweltschädlich sein?

Kraftstoff aus nachwachsenden Rohstoffen erscheint auf den ersten Blick als umweltschonende Alternative zu Erdöl und Erdgas. Dennoch bescheinigt das Forscherteam um die Göttinger Wissenschaftler Prof. Alexander Knohl und Dr. Ana Meijide Ölpalmenplantagen, auf denen Biokraftstoff gewonnen wird, eine schlechte Umweltbilanz. Meijide erklärt: „Zwar haben ausgewachsene Ölpalmen hohe CO2-Aufnahmeraten, aber die Abholzung der Wälder hat schwerwiegende Folgen für die Umwelt.“ Tatsächlich werde nur ein Teil des Kohlenstoffs, der durch die Abholzung des Waldes verursacht wird, durch die Ölpalmen wieder aufgenommen.

Nur, wenn die Pflanzen über einen langen Zeitraum CO2 aufnehmen können, ist es möglich, aus dem Öl der Palmen Biokraftstoff zu erzeugen, der eine deutlich bessere Umweltbilanz aufweist als fossile Brennstoffe. Dann gleicht die Aufnahme von Treibhausgasen durch die Bäume den Kohlenstoff aus, der durch die Rodung des vorher bestehenden Waldes freigesetzt wird – oder übertrifft sie sogar.

Der Nutzen

Die Forscher plädieren deshalb für eine langfristig ausgelegte Nutzung von Ölpalmenplantagen: „Längere Rotationszyklen, wie die Verlängerung des Plantagenzyklus auf 30 oder sogar 40 Jahre im Vergleich zu den herkömmlichen 25 Jahren, haben einen erheblichen positiven Effekt auf die Treibhausgasemissionen“, sagt Agrarwissenschaftlerin Meijide. Auch Palmenarten, die früher Erträge bringen, könnten rasch helfen.

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So erreichen Sie den Autor:

E-Mail: t.kohlwes@goettinger-tageblatt.de

Von Tammo Kohlwes