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Forscher aus Göttingen untersuchen Traumafolgen bei jungen Geflüchteten

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12:30 29.06.2020
Minderjährige Geflüchtete steigen am Athener Flughafen in ein Flugzeug, das sie nach Hannover bringen soll. Quelle: dpa
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Göttingen

Traumatische Erlebnisse, Missbrauchserfahrungen und Armut würden die psychische Gesundheit vieler minderjähriger Geflüchteter gefährden, teilen Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für experimentelle Medizin in Göttingen und der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) in einer gemeinsamen Erklärung mit. Die Forscher haben ihre Untersuchungsergebnisse in der Zeitschrift „The Lancet –EClinical Medicine“ publiziert.

Krieg, Folter, Menschenhandel und extreme Armut seien nur einige Situationen, denen Flüchtlinge vor und während ihrer Flucht ausgesetzt sein könnten, heißt es in der gemeinsamen Mitteilung. Und: „Solche Erfahrungen machen die Betroffenen auch noch Jahre später anfällig für psychische Erkrankungen. Darüber hinaus müssen Flüchtlinge häufig auch nach ihrer Ankunft in Deutschland unter psychisch belastenden Bedingungen leben.“

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Jeder Risikofaktor belastet junge Geflüchtete zusätzlich

Eine Gruppe von Wissenschaftlern um Prof. Hannelore Ehrenreich vom Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin in Göttingen und Prof. Luise Poustka, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der UMG, habe jetzt gezeigt, dass die Psyche junger Geflüchteter mit jedem weiteren Risikofaktor mehr belastet werde. Die Folgen seien verminderte Leistungsfähigkeit und Verhaltensauffälligkeiten, „die sich später auch in aggressivem und kriminellem Verhalten äußern können“, teilen die Forscher mit. Umso wichtiger sei es, Flüchtlinge „einfühlsam zu begleiten und ihnen die Möglichkeit zu geben, der Spirale negativer Erlebnisse zu entkommen“.

Zu den Faktoren, die das Auftreten von psychischen Störungen begünstigen würden, zählten traumatische Erlebnisse, körperlicher und sexueller Missbrauch, Konsum von Cannabis und Alkohol sowie Leben in Großstädten. Träfen auf einen Geflüchteten gleich mehrere dieser Risikofaktoren zu, zumal noch vor dem 20. Lebensjahr, „fällt dieser später außerdem häufiger durch aggressives und kriminelles Verhalten auf“.

Belastende Lebensumstände nach der Ankunft in Deutschland

Die Wissenschaftler haben mit minderjährigen Geflüchteten gesprochen, die häufig nicht nur in ihrem Herkunftsland und auf der Flucht traumatische Erfahrungen gemacht hätten, sondern oft auch nach ihrer Ankunft in Deutschland psychisch belastenden Lebensumständen ausgesetzt gewesen seien. „Die Auswirkungen dieser Belastungsfaktoren erwarteten wir bei Jugendlichen umso stärker, da sich ihr Gehirn noch in der Entwicklung befindet und besonders sensibel auf Störungen reagiert“, sagt Poustka.

Jugendliche reagieren sensibel auf Störungen: Luise Poustka, Direktorin der UMG-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Quelle: R

Die Forscher hätten detaillierte und strukturierte Interviews mit 133 Geflüchteten geführt, heißt es in der Mitteilung. Im Durchschnitt seien die Studienteilnehmer 22 Jahre alt gewesen und hätten als gesund gegolten. Viele seien als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland gekommen. Zudem seien die Studienteilnehmer auf ihre körperliche Gesundheit hin untersucht und erste Anzeichen von Verhaltensauffälligkeiten erfasst worden.

„Viele Geflüchtete sind einer erheblichen Anzahl von Risikofaktoren ausgesetzt“, sagt der Erstautor der Studie, Dr. Martin Begemann, der „in Brückenfunktion“ an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen und seit 2004 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPI für Experimentelle Medizin arbeitete. Etwa die Hälfte der Studienteilnehmer hätte traumatische Erlebnisse vor und während der Flucht erlebt, so Begemann, ein Viertel der befragten jungen Geflüchteten hätte körperlichen und sexuellen Missbrauch erlitten.

Narben oder Wunden von Stich- und Schussverletzungen

Etwa 40 Prozent der Studienteilnehmer hätten „Narben oder Wunden von Stich- und Schussverletzungen, Explosionen oder Verbrennungen davongetragen, heißt es in der Mitteilung. „Vier junge Männer zeigten eindeutige psychotische Symptome, zwei davon mit Suizidgedanken.“

Die Autoren vermuten, dass soziale Unterstützung nur einen schwachen schützenden Effekt habe. Flucht in Begleitung von Familie oder Freunden oder ein gutes soziales Netzwerk zum Zeitpunkt der Studie hätten den aktuellen psychischen Zustand der Geflüchteten nicht beeinflusst „Da jeder weitere Risikofaktor auch die Wahrscheinlichkeit für späteres aggressives Verhalten, Kriminalität und psychische Störungen erhöht, müssen wir verhindern, dass sich noch mehr belastende Faktoren anhäufen“, sagt Ehrenreich.

Geflüchtete „engmaschig“ auch psychologisch begleiten

Die Wissenschaftlerin nennt Handlungsmöglichkeiten, um die schlechte Prognose für stark belastete Flüchtlinge zu verbessern. Denkbar wäre zum Beispiel, Geflüchtete engmaschig medizinisch und psychologisch zu begleiten, „vor allem aber, ihnen ohne Verzögerung erste einfache Arbeitstätigkeiten und Sprachkurse zu vermitteln“, noch bevor eine endgültige Entscheidung über ihren Aufenthaltsstatus gefallen sei.

„Verhindern, dass sich noch mehr belastende Faktoren anhäufen“ – Hannelore Ehrenreich, MPI. Quelle: R

Diese Unterstützungsangebote könnten den jungen Geflüchteten dabei helfen, „sich aus beengten Wohnverhältnissen zu befreien“, in denen sie mit Langeweile, Gewalt und Drogen konfrontiert sind“. Und, so die Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin: „Es würde die erlebte Ausweglosigkeit und die ,gelernte Hilflosigkeit’ als vermutlich schlimmsten negativen Faktor vermeiden“.

Hier geht’s zur Erstveröffentlichung der Studie

Wahrscheinlich nur 50 Prozent für spätere Studie erreichbar

Wie viele der Jugendlichen tatsächlich später psychologisch auffällig oder gar straffällig geworden sind, würden die Forscher erst in einigen Jahren feststellen können, heißt es in der gemeinsamen Mitteilung von Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin und Universitätsmedizin. Sie rechneten allerdings damit, dass sie nur etwa die Hälfte der Teilnehmer erneut kontaktieren könnten. „Die Spur der anderen wird durch die vielen Verlegungen zwischen Flüchtlingszentren und durch Abschiebungen ins Herkunftsland verloren gehen“, teilen die Wissenschaftler mit.

Martin Begemann, Jan Seidel, Luise Poustka, Hannelore Ehrenreich haben die Untersuchungsergebnisse unter dem Titel „Accumulated environmental risk in young refugees – A prospective evaluation“ publiziert (Originalveröffentlichung) in: EClinicalMedicine published by The Lancet; Volume 22; May 11, 2020.

Von Stefan Kirchhoff

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