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Göttingen Forschung aus Göttingen: Schlauch-Alge breitet sich im norddeutschen Wattenmeer vor Sylt aus
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Forschung aus Göttingen: Schlauch-Alge breitet sich im norddeutschen Wattenmeer vor Sylt aus

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10:30 22.12.2020
Die sich rasch ausbreitende Alge Vaucheria velutina häuft über sandigem Wattboden große Mengen Schlick an (linke Seite). Am Horizont liegt die Insel Sylt.
Die sich rasch ausbreitende Alge Vaucheria velutina häuft über sandigem Wattboden große Mengen Schlick an (linke Seite). Am Horizont liegt die Insel Sylt. Quelle: Karsten Reise
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Göttingen/Westerland

Eine eingeschleppte Algenart hat sich im norddeutschen Wattenmeer ausgebreitet und richtet dort Schaden an. Die Schlauchalge „Vaucheria velutina“ sei im vergangenen Sommer erstmals vor Sylt nachgewiesen worden, teilte die Universität Göttingen mit. Sie bedecke bereits eine Fläche von mehr als 280 Fußballfeldern und könnte ernsthafte Auswirkungen auf das dortige Ökosystem haben.

Feiner Schlick, der mit der Flut eingeschwemmt werde, bleibe zwischen den dicht an dicht aus dem Boden ragenden Algenfäden hängen. Er lagere sich ab und verstopfe die Gänge der Wattwürmer. „In meinen fast 50 Jahren als Wattforscher habe ich so eine rasante Ausbreitung einer neuartigen Alge noch nicht erlebt“, sagte der emeritierte Professor Karsten Reise vom Alfred-Wegener-Institut, der die Alge entdeckte. „Bei Sylt hat sie schon riesige Areale erobert, die sehr weit draußen im Watt bis zum Horizont reichen und wo nur selten ein Kurgast hinkommt.“

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Wie stark ihre Auswirkungen auf das Wattenmeer sein werden, und ob sie sich nach dem Winter weiter ausbreite, sei noch unklar. Laut Reise könnte die Algenart durch importierte pazifische Austern eingeschleppt worden sein. Diese werden im Wattenmeer bei Sylt in Netzbeuteln gehalten, bis sie groß genug sind. Die einheimische Auster wurde im vorigen Jahrhundert ausgerottet.

Gegenlicht lässt die schlauchartige Gestalt von Vaucheria velutina leuchten. Quelle: Karsten Reise

Sollte sich die Alge weiter ausbreiten und immer mehr Schlick ansammeln, würden die Wattwürmer, und damit das gesamte Leben im Wattboden darunter leiden, schreibt die Uni Göttingen. Dies könne sogar Auswirkungen auf die Fähigkeit des Bodens haben, sich dem im Klimawandel steigenden Meeresspiegel anzupassen. „Im Verlauf von nur einem Sommer hat sich ein weiches Schlickpolster aufgeschichtet, das bis zu zwanzig Zentimeter höher als das umgebende Sandwatt ist“, sagte Reise. „Unter der Oberfläche ist der weiche Schlick tiefschwarz und dünstet faulig riechenden Schwefelwasserstoff aus.“ Derzeit verändere sich das Weltnaturerbe Wattenmeer unumkehrbar, „direkt vor unseren Augen und durch eine eigentlich sehr kleine Alge“, sagt Reise.

Die Sektion Phykologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft wählte die „Vaucheria velutina“ zur „Alge des Jahres 2021“. Gründe dafür seien ihre „plötzliche Dominanz“ und die „unabsehbaren ökologischen Folgen“, die ihre Anwesenheit im Watt mit sich bringen könnte. Reise hatte die Alge im vergangenen Sommer vor der Insel Sylt entdeckt.

Die Molekularbiologin Dr. Nataliya Rybalka von der Universität Göttingen analysierte die Genproben. Um herauszufinden, um welche Schlauchalgenart es sich bei den sechs bis zehn Zentimeter langen Individuen handelt, analysierte Rybalka, die als experimentelle Phykologin an der Sammlung von Algenkulturen der Universität Göttingen forscht, einen kurzen charakteristischen Abschnitt im Genom der Sylter Algen-Proben. Dieser ermöglicht eine eindeutige Zuordnung zu einzelnen Arten in dieser Algengruppe.

Die Algenfäden sind etwa fingerlang. Im ausgespülten, farblosen Wurzelgeflecht eingewoben hängen Wohnröhren von Wattbodentieren. Quelle: Reise

„Der von uns untersuchte DNA-Abschnitt des rbcL genannten Gens enthält den Bauplan für ein Protein, das im Chloroplasten vorkommt“, erläutert Rybalka. „In diesem Abschnitt unterscheiden sich alle Vaucheria-Proben aus dem Sylter Watt von denen aus nah gelegenen Salzwiesen.“ Daher gehen die Forschenden im Moment davon aus, dass die Algenfäden im Watt von derselben Mutteralge abstammen.

Schlauchalgen der Gruppe der Vaucheria zählen zu den frühesten Lebensformen unseres Planeten. Abdrücke fanden Geologen in bis zu einer Milliarde Jahre altem Gestein. Das Erstaunliche an ihnen ist ihr Potenzial, sich bei optimalen Bedingungen explosionsartig zu vermehren.

Von dpa / mib