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Göttingen Zwei Drittel weniger: Insektenrückgang weitreichender als vermutet
Campus Göttingen Zwei Drittel weniger: Insektenrückgang weitreichender als vermutet
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19:00 30.10.2019
Insektenrückgang weitreichender als vermutet: Auswirkungen auch für den gefleckten Schmalbock. Quelle: Christiane Weiner
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Göttingen

Auf vielen Flächen tummeln sich heute etwa ein Drittel weniger Insektenarten als noch vor einem Jahrzehnt. Dies geht aus einer Untersuchung eines internationalen Forschungsteams mit Beteiligung der Universität Göttingen hervor.

Vom Artenschwund betroffen seien danach vor allem Wiesen, die sich in einer stark landwirtschaftlich genutzten Umgebung befinden – aber auch Wald- und Schutzgebiete. Die Ergebnisse der Studie sind in der Fachzeitschrift Nature erschienen.

Das Forschungsteam unter Leitung der Technischen Universität München (TUM) hat zwischen 2008 und 2017 bei der DFG-Biodiversitäts-Exploratorien eine Vielzahl von Insektengruppen in Brandenburg, Thüringen und Baden-Württemberg erfasst. Die Forscher sammelten auf 300 Flächen über eine Million Insekten und hätten so nachgewiesen, dass viele der fast 2.700 untersuchten Arten rückläufig sind, heißt es in einer Mitteilung der Uni Göttingen. Einige seltenere Arten seien in den vergangenen Jahren in manchen der beobachteten Regionen gar nicht mehr gefunden worden. Die Biomasse der Insekten sei in den untersuchten Wäldern seit 2008 um etwa 40 Prozent zurückgegangen.

Libelle Quelle: R

Im Grünland seien die Ergebnisse noch alarmierender gewesen: Am Ende des Untersuchungszeitraums hätte sich die Insektenbiomasse auf nur ein Drittel ihres früheren Niveaus verringert, heißt es weiter.

Betroffen seien alle untersuchten Wald- und Wiesenflächen: Schafweiden, Wiesen, die drei- bis viermal jährlich gemäht und gedüngt wurden, forstwirtschaftlich geprägte Nadelwälder und sogar ungenutzte Wälder in Schutzgebieten. Den größten Schwund stellten die Forscher nach Angaben der Uni Göttingen auf den Grünlandflächen fest, die in besonderem Maße von Ackerland umgeben seien. Dort litten vor allem die Arten, die nicht in der Lage seien, große Distanzen zu überwinden.

Prof. Christian Ammer Quelle: Uni Göttingen

Prof. Christian Ammer und Dr. Peter Schall aus der Abteilung Waldbau und Waldökologie der gemäßigten Zonen an der Universität Göttingen stellten für die Studie Daten zur quantitativen Charakterisierung der Waldbestände bereit. Zudem hätten die beiden Forscher analysiert, wie sich die Waldbewirtschaftung auf die Insekten auswirke. „Wie sich zeigte, konnten zwischen bewirtschafteten und aus der Nutzung genommenen Wäldern keine Unterschiede in der Entwicklung und Abnahme der Insekten festgestellt werden, was auf einen übergeordneten Faktor schließen lässt, der alle Wälder in gleicher Weise trifft“, sagte Ammer.

Dr. Peter Schall Quelle: Uni Göttingen

„Wir konnten zudem feststellen, dass der Artenverlust der Insekten geringer war, wenn in den betrachteten Wäldern Bäume durch natürliche Ursachen oder durch die Holzernte ausgeschieden waren“, ergänzte Schall. Eine wahrscheinliche Erklärung für diesen Befund sei, so die Göttinger Forscher, dass mit dem Ausscheiden der Bäume „substanzielle Kronenöffnungen verbunden“ seien, die zu einer Zunahme der Bodenvegetation und einer höheren Verfügbarkeit von Totholz führen. „Das scheint den Artenverlust einzuschränken“, so Schall.

Moschusbock Quelle: Christiane Weiner

Dass es auf deutschen Wiesen weniger zirpe, summe, kreuche und fleuche als noch vor 25 Jahren, hätten bereits mehrere Studien gezeigt, berichtet die Uni Göttingen weiter. „Bisherige Studien konzentrierten sich aber entweder ausschließlich auf die Biomasse, also das Gesamtgewicht aller Insekten, oder auf einzelne Arten oder Artengruppen. Dass tatsächlich ein Großteil aller Insektengruppen betroffen ist, war bisher nicht klar“, sagte Erstautor Dr. Sebastian Seibold vom Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie der TUM.

„Aktuelle Initiativen gegen den Insektenrückgang kümmern sich viel zu sehr um die Bewirtschaftung einzelner Flächen und agieren weitestgehend unabhängig voneinander“, so Seibold weiter. „Um den Rückgang aufzuhalten, benötigen wir ausgehend von unseren Ergebnissen eine stärkere Abstimmung und Koordination auf regionaler und nationaler Ebene.“

Originalveröffentlichung:
Seibold, S. et al. Arthropod decline in grasslands and forests is associated with drivers at landscape level. Nature (2019).

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Von pug / mib

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