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Göttingen Lebendige Randbemerkungen zur Literaturkritik
Campus Göttingen Lebendige Randbemerkungen zur Literaturkritik
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15:00 18.04.2019
Der Autor, Journalist und Literaturwissenschaftler Dr. Thomas Müller ist im Sommersemester Gastdozent der Göttinger Universität in der Abteilung Komparistik.
Der Autor, Journalist und Literaturwissenschaftler Dr. Thomas Müller ist im Sommersemester Gastdozent der Göttinger Universität in der Abteilung Komparistik. Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen

Sein Praxisseminar war binnen weniger Stunden ausgebucht, mit „Randbemerkungen zur Literaturkritik“ hat Dr. Lothar Müller seinen öffentlichen Einstand als Gastdozent an der Göttinger Uni gegeben. Der Autor, Journalist, Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker der Süddeutschen Zeitung, der unter anderem Bücher über Papier („Weiße Magie“) und Alltagsgegenstände aus der Zeit der Geburtsstunde der Psychoanalyse („Freuds Dinge“) geschrieben hat, ist auch Honorarprofessor an der Berliner Humboldt-Universität, Merck-Preisträger und für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Prof.Heinrich Detering (li.) stellt Lothar Müller vor. Quelle: Christina Hinzmann

„Alles, was tot ist, fällt irgendwann ins Feuilleton“ zitierte Prof. Heinrich Detering den Gastdozenten: „Keiner schreibt darüber so lebendig wie Müller.“ „Da war ich noch viel jünger“, konterte der. Und seitdem hat sich auch das klassische Feuilleton gewandelt. Ausgangspunkt von Müllers Ausführungen waren die „Faits divers“, kleine Zeitungsmeldungen, an denen Autoren wie Balzac großes Interesse fanden und aus denen ganze Romane extrahiert werden konnten. Faits divers stehe auch für das Prinzip der Zeitung selbst, ihre Mosaikstruktur und das Nebeneinander des Diversen, sagte Müller, der „alle Veränderungen durch die Digitalisierung als Doppelbewohner zweier Welten erlebt“, alle „Laufbahn-Schriften“ aber noch im analogen Zeitalter geschrieben hat – inklusive Tipp-Ex. Die Printmedien seien hybride Gebilde aus analogen und digitalen Zeichenträgern geworden, ihre Gatekeeper-Funktion durch neue Foren in Frage gestellt. Geschmacksurteile würden beschleunigt, es gebe einen „kleinen Grenzverkehr zwischen sozialen Medien und Print-Medien“.

Ausweitung der Kampfzone

Die aktuelle Literaturkritik betrachtete Müller im Spannungsfeld von Kontraktion als Rückbesinnung auf ihr Erbe und „Ausweitung der Kampfzone“ (wie auch ein Romantitel von Houellebeq lautet). In das Ressort würden auch Artikel über Urheberrecht, die ökonomische Seite des Literaturbetriebs, der Buchmarkt und dessen Internationalisierung als Beobachtungsgebiet fallen. Anders als im Feuilleton der 1970er-Jahre gehe es nicht nicht mehr nur um literaturwissenschaftlich abgrenzbare Belletristik-Texte, sondern serielle Erzählmuster, Coming-of-Age-Romane, Roadmovies, Familienromane, Fantasy, Science-Fiction und boomende Krimi-Kolumnen („Es gibt sogar Verleger, die extrem erfolgreiche Krimis unter Pseudonym schreiben und dann ihren Verlegerberuf aufgeben, um nur noch Krimis zu schreiben“).

Wissenssoziologie und Großkategorien

Die Urteilsbildung erfolge in einem nicht ganz klaren Bündnis von Literaturkritik und Wissenssoziologie. Einen riskanten Umschlagpunkt sieht Müller, wenn die Wissenssoziologie zum alles erklärenden Muster werde („Sage mir, wo jemand arbeitet, und ich sage dir, warum er so denkt, wie er denkt.“). Das Wissen um den „Maschinenraum der Gesellschaft“ sei nützlich, enthebe aber nicht der Beweispflicht, und es sei erst recht kein Passepartout für die Erklärung ästhetischer Gegenstände. Zurzeit werde sehr viel mit zwei Großkategorien hantiert, die aber mit Vorsicht zu handhaben seien: Generation und Geschlecht.

Gastdozentur nach Anna Vandenhoeck benannt

In Kooperation mit dem Göttinger Verlag Vandenhoeck & Ruprecht hat das Seminar für Deutsche Philologie in der Abteilung Komparistik eine Gastdozentur aufleben lassen, die nach acht Jahren Pause an die von Heinz Ludwig Arnold etablierte Gastprofessur für Literaturkritik anknüpft. Die Anna-Vandenhoeck-Gastdozentur soll eine Brücke zwischen Universität und literarischem Leben schlagen. Verlagsleiterin Carola Müller erinnerte beim Vortrag von Dr. Lothar Müller, bei dem der Verlag auch mit einem Büchertisch vertreten war, an die Namensgeberin der Gastdozentur. Anna Vandenhoeck übernahm als 41-jährige Witwe 1750 in einem von Männern dominierten Umfeld die alleinige Leitung des Verlags, engagierte sich für den Aufbau der reformierten Gemeinde in Göttingen und gründete einen der ersten gewerblichen Lesezirkel, um wissenschaftliche Arbeitsergebnisse in die Gesellschaft zu bringen. In diese Zeit fiel auch der Aufschwung der Georgia Augusta. Anna Vandenhoeck konnte Autoren wie von Haller, Roederer oder Schlözer für den Verlag gewinnen, nach denen ebenso wie nach ihr selbst Straßen in Göttingen benannt wurden. ku

Mit Exkursen über Literatur und Salonkultur, Rezension und Charakteristik , Retro-Digitalisierung, Blogger-Communities, Worte in Druck und unter Druck sowie den Aufstieg des Präsenz als Erzähltempus würzte Müller seinen Vortrag. Dass die Zeiten in der Literatur nicht einfach nur Zeiten sind, verdeutlichte er mit dem Schlusssatz von Samuel Becketts „Molloy“, mit dem er zugleich seinen Vortrag beendete: „Dann ging ich in das Haus zurück und schrieb: Es ist Mitternacht. Der Regen peitscht gegen die Scheiben. Es war nicht Mitternacht. Es regnete nicht.“

Von Kuno Mahnkopf

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