Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Gentechnik und Genomchirurgie laut Göttinger Forscher hilfreich für Landwirtschaft
Campus Göttingen Gentechnik und Genomchirurgie laut Göttinger Forscher hilfreich für Landwirtschaft
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:32 28.04.2020
Methoden der Genomchirurgie können helfen, die kleinbäuerliche Landwirtschaft in Afrika produktiver, umweltfreundlicher und klimaangepasster zu machen. Quelle: r
Anzeige
Göttingen

Die Pflanzenzüchtung hat in den vergangenen Jahrzehnten die landwirtschaftlichen Erträge drastisch gesteigert. Somit hat sie maßgeblich zur Hunger- und Armutsbekämpfung beigetragen. Gleichzeitig haben sich aber auch negative Umwelteffekte ergeben. Eine aktuelle Studie der Universität Göttingen zeigt auf, dass neue Züchtungstechnologien – wie Gentechnik und Genomchirurgie – dabei helfen können, die Landwirtschaft produktiver und gleichzeitig umweltfreundlicher zu machen. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Applied Economic Perspectives and Policy erschienen, heißt es in einer Pressemitteilung.

Für die Studie wertete der Göttinger Agrarökonom Prof. Matin Qaim weltweite Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte aus. Während der so genannten Grünen Revolution wurden seit den 1960er-Jahren Hochertragssorten für Weizen, Reis und Mais gezüchtet und vor allem in Asien und Lateinamerika weit verbreitet angebaut.

Anzeige

Erträge verdreifachten sich

Hierdurch haben sich die Erträge verdreifacht, heißt es seitens der Universität. Dies steigere nicht nur die Einkommen der Bauern, sondern auch den Zugang städtischer Verbraucher zu Lebensmitteln. Die hohen Erträge gingen allerdings mit einem intensiven Einsatz chemischer Dünge- und Pflanzenschutzmittel einher. Außerdem konzentrierten sich die Entwicklungen auf wenige Getreidearten, was zur Reduktion der landwirtschaftlichen Vielfalt führte.

„Getreide liefert vor allem Kalorien, was erklärt, warum der Hunger in den letzten Jahrzehnten deutlich reduziert werden konnte“, erklärt Qaim. „Leider war die Grüne Revolution weniger erfolgreich darin, den weit verbreiteten Mikronährstoffmangel zu bekämpfen.“ Das erfordere eine ausgewogenere Ernährung und eine vielfältigere Landwirtschaft mit mehr Hülsenfrüchten, Gemüse, Obst und anderen lokal angepassten Arten.

Prof. Matin Qaim Quelle: r

Vorteile neuer Züchtungstechnologien

Mit den neuen Züchtungstechnologien können Pflanzen so verändert werden, dass sie ertragreicher sind, heißt es in der Studie. Gleichzeitig benötigten sie aber weniger Dünge- und Pflanzenschutzmittel, weil sie Bodennährstoffe besser ausnutzen und robuster gegen Krankheiten, Schädlinge und Wetterextreme sind. Außerdem könne die Züchtung neuer Eigenschaften deutlich beschleunigt werden, was eine schnellere Anpassung an den Klimawandel ermögliche.

„Obwohl Methoden wie CRISPR (eine molekularbiologische Methode, um DNA gezielt zu schneiden und zu verändern) erst vor wenigen Jahren entwickelt wurden, sind sie bereits erfolgreich in vielen verschiedenen Pflanzenarten eingesetzt worden“, so Quaim. Die Methoden seien relativ einfach und kostengünstig, so dass auch kleinere Labore sie verwenden könnten, um lokale Arten zu verbessern. „Ein wichtiger Schritt in Richtung mehr Vielfalt“, meint der Wissenschaftler.

Ängste wissenschaftlich unbegründet

Gentechnisch veränderte Sorten werden seit rund 25 Jahren angebaut, seien laut Angaben der Universität aber vor allem in Europa umstritten. Obwohl diese Sorten wissenschaftlich als sicher gelten, gibt es in der Öffentlichkeit nach wie vor Ängste vor Umwelt- und Gesundheitsrisiken. Diese Ängste hätten vor allem auch damit zu tun, dass mit Hilfe der Gentechnik artfremde Gene in die Pflanzen eingeschleust würden. „Die Ablehnung in der Bevölkerung hat zu hohen Zulassungshürden geführt, die wissenschaftlich unbegründet sind und die Technologie ausbremsen“, erläutert Qaim.

Das Problem sei, dass die Zulassungsbehörden in Europa genomchirurgisch entwickelte Pflanzen genauso behandeln wie gentechnisch veränderte Pflanzen mit artfremden Genen. „Das schürt die öffentlichen Ängste und verhindert die Weiterentwicklung und Nutzung der Technologie in der Landwirtschaft“, so Quaim.

Frühere Forschungsergebnisse des Agrarökonomen

Im Jahr 2019 veröffentlichte der Göttinger Agrarökonom Matin Quaim bereits einen Artikel, in dem die Vorteile der Genomeditierung besprochen werden. Gemeinsam mit internationalen Forschen veröffentlichte er seine Forschungsergebnisse. In dieser erklären die Wissenschaftler, dass zukünftige Technologien in der Landwirtschaft Umweltprobleme reduzieren sollten. Die Landwirtschaft sollte gleichzeitig robuster gegen Klimastress werden. Prognosen zeigten, dass vor allem Kleinbauern in Afrika und Asien unter dem Klimawandel leiden werden.

„Mit Hilfe der Genomeditierung können nun viel gezielter Pflanzen entwickelt werden, die resistent gegen Krankheiten, Schädlinge, sowie Hitze und Dürre sind“, sagte Co-Autor Shahid Mansoor vom Forschungsinstitut für Biotechnologie in Pakistan. In Europa ringe man noch um die Zulassungsregeln für genomeditierte Pflanzen. Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Sommer 2018 fallen diese Pflanzen derzeit unter das Gentechnikrecht, was aus Sicht der Autoren bedauerlich ist.

Sie erreichen die Autorin per E-Mail an: lokales@goettinger-tageblatt.de

Von Anja Semonjek

Anzeige