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Göttingen Gewalt ist nicht Geschichte: Koloniale Forschungsreise in Göttingen
Campus Göttingen Gewalt ist nicht Geschichte: Koloniale Forschungsreise in Göttingen
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14:00 11.10.2019
Sarah Müller, Tommy Buga, Flower Manase, Hannah Feder und Michael Kraus haben während der Kolonialzeit erworbene Objekte aus den Regionen der heutigen Nationalstaaten Papua-Neuguinea und Tansania untersucht (v.l.). Quelle: r
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Göttingen

Im September prüften Flower Manase vom National Museum of Tanzania in Dar es Salaam und Tommy Buga vom National Museum and Art Gallery in Port Moresby (Papua-Neuguinea) Sammlungs-Bestände aus ihren Heimatländern; auf ihrer Seite: Hannah Feder (Ethnologie) und Sara Müller (Geschichte) – beide sind Mitarbeiterinnen des 2018 begonnen und von der VW-Stiftung finanzierten Drei-Jahres-Projekts „Provenienzforschung in außereuropäischen Sammlungen und der Ethnologie in Niedersachsen (PAESE)“.

In diesem Kooperationsunternehmen sind Forscher in sieben Teilprojekten tätig. Beteiligt sind Ethnologen, Historiker sowie ein Rechtshistoriker in Museen und Sammlungen in Braunschweig, Göttingen, Hannover, Hildesheim und Oldenburg.

Lücken in der Dokumentation schließen

Manase sei eine international gefragte Expertin zur tansanisch-deutschen Geschichte, so Dr. Michael Kraus, Kustos der Sammlung. Sie habe betont: „Es war gut, die Sammlungen sichten zu können. Nun kommt es darauf an, die vielen Lücken in der Dokumentation durch gemeinsame Forschungen zu schließen und angemessene Erzählungen über diese Objekte zu erarbeiten.“

Bei den Objekten handele es sich um Dinge, „die ursprünglich während der deutschen Kolonialzeit, 1884 bis 1918, erworben wurden; nach Göttingen kamen sie nur zu einem Teil bereits in dieser Zeit“, sagt Kraus. Oft seien sie auch als Schenkungen (zum Beispiel des Berliner Museums, 1939, aber auch von Privatpersonen) und erst später, nach offizieller Einrichtung der Ethnologischen Sammlung gebracht worden – Kraus nennt den Zeitraum von 1928 bis in die 1940er-Jahre. Aufgrund des ursprünglichen Erwerbungsdatums seien sie „dennoch Objekte aus kolonialen Kontexten“.

Sie würden seit mehr als hundert Jahren „eine transkulturelle Biografie“ aufweisen und zählten „zum kulturellen Erbe sowohl ihrer Herkunftsregionen als auch der besitzenden Länder“, so Kraus. „Dass ihre Aufarbeitung gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus den Herkunftsländern erfolgen muss, ist für alle beteiligten Wissenschaftler eine Selbstverständlichkeit.“

Forschung schafft Klarheit

Ein Ziel der Forschungen sei, „herauszufinden, von wo die Ethnografica, durch wen und vor allem wie nach Göttingen kamen und wie sie hier verwendet wurden, um somit auch ein Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte zu entdecken, das, gerade weil es teilweise so gewaltsam war, endlich erforscht werden muss“, so Prof. Rebekka Habermas. Die Historikerin sowie ihre Kollegen aus der Ethnologie, Prof. Elfriede Hermann und Kraus, betreuen in enger Zusammenarbeit zwei Göttinger Teilprojekte.

„Es ist erfreulich und wichtig, dass sich aktuell ein Bewusstsein für die Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte entwickelt“, sagt Kraus. Die Aufarbeitung sei nicht auf ethnologische Sammlungen „zu reduzieren: Die großen ,Player’ waren und sind bis heute Wirtschaftsunternehmen.“ Herrschaftlich Handelnde während der Kolonialzeit seien zudem „Militär und Mission“ gewesen – „aber eben auch Wissenschaft“, so Kraus.

Grausamkeiten sind in Ex-Kolonien sehr präsent

„Die Grausamkeiten der deutschen Kolonialzeit sind in den betroffenen Ländern, vor allem in Afrika, weiterhin sehr bewusst.“ Kraus wird konkret: „Landraub, Arbeitszwang, Auspeitschen, auch medizinische Experimente, wirtschaftliche Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Kolonialmacht, Degradierung einheimischer Institutionen und Traditionen.“ Militärische Unterdrückung wie durch den „Völkermord in Namibia oder den ,Maji-Maji-Krieg’ in Tansania, die nur zwei der schlimmsten von vielen Verbrechen waren, sind bei uns einigermaßen oder wenig bekannt und aufgearbeitet“. Deutsche Kolonien in Afrika seien die Gebiete der heutigen Nationalstaaten Tansania, Kamerun, Togo, Namibia gewesen.

Angemessene Perspektiven

Die gemeinsame Arbeit an den Objekten diene zunächst dazu, „Informationen und vor allem verschiedene Betrachtungsweisen zu sammeln“, so Kraus. Anschließend gehe es darum, „möglichst, wie Frau Manase es formuliert hat, angemessene, das heißt, unterschiedliche Perspektiven unterschiedlicher Akteure berücksichtigende Geschichten zu erarbeiten und zu erzählen“.

Die Zusammenarbeit brauche Zeit, sagt Kraus. „Man muss nicht nur Wissen austauschen, sondern Vertrauen zueinander aufbauen.“ Der Wille zur Transparenz müsse spürbar sein. „Ich glaube, das ist uns in Göttingen sehr gut gelungen“ – unter anderem aufgrund der „respektvollen, auf langfristige Beziehungen und Lösungen ausgelegten Vorgehensweise unserer Gäste“ und des „sensiblen und offenen Verhaltens“ von Feder und Müller. „Die Verständigung über unsere Geschichte ist wichtig“, habe Buga betont, „und ich hoffe sehr, dass die Zusammenarbeit in den kommenden Jahren ausgebaut wird.“

Die zweite internationale Phase des Projektes beginnt im Sommer 2020

Neben der konkreten Arbeit an den Objekten seien „Projektziele, erste Ergebnisse sowie die Möglichkeit verstärkter Formen der Kooperation in der Zukunft mit den Vertretern aller beteiligten Institutionen in mehreren Workshops ausgelotet“, worden, so Kraus. Fest vereinbart sei ein weiterer Arbeitsaufenthalt von Gastwissenschaftlern im Sommer 2020.

Die multilaterale Zusammenarbeit könnten Forscher als Chance nutzen, so Kraus. „Die Auseinandersetzung mit ethnologischen Sammlungen aus dieser Zeit kann als wichtiger Anstoß für eine weiterführende Auseinandersetzung mit diesem Teil unserer (Global-)Geschichte dienen“.

Von Stefan Kirchhoff

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