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Göttingen Was einen früheren Göttinger Professor am Wattenmeer fasziniert
Campus Göttingen

Göttingen: Der Professor Karsten Reise lebt auf der Insel Sylt

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08:48 05.07.2021
Ein Boot liegt im Watt der Nordsee.
Ein Boot liegt im Watt der Nordsee. Quelle: Marcus Brandt/dpa
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Göttingen/Westerland

Das Watt ist seine Leidenschaft: Karsten Reise (74) lebt auf der Nordseeinsel Sylt, also mitten im Nationalpark Wattenmeer, und lehrte als Professor Zoologie, Meereskunde und Küstenforschung an den Universitäten Göttingen, Hamburg und Kiel. Auch als Pensionär ist er noch regelmäßig im Watt auf Erkundungstour.

Gerade hat er ein Buch über die „Wunderwelt zwischen Land und Meer“ veröffentlicht. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erklärt Reise, was ihn am Wattwandern reizt und warum „Multikulti“ in der Nordsee ganz normal ist.

Herr Reise, Sie leben am Watt, Sie arbeiten im Watt, Sie schreiben übers Watt. Was fasziniert Sie so an Schlick und Sand?

Karsten Reise: Der Untergrund, das Verborgene, hat mich immer schon fasziniert. Im Watt hat man die Chance, dem Meer auf den Grund zu gehen. Dafür muss man sich nur die Schuhe ausziehen. Eine technische Ausrüstung wie beim Tauchen braucht man nicht.

Und offenbar entdecken selbst erfahrene Forscher wie Sie immer noch etwas Neues im Watt. „Die Alge des Jahres 2021“, die Schlauchalge, haben Sie erst kürzlich gefunden.

Reise: Ja, das stimmt. Letztlich herrscht im Watt Multikulti. Mit den Schiffen, etwa aus Übersee, wandern auch immer mal neue Arten ein. Vor einem Jahr war ich bei einer Wanderung recht weit draußen. Dort fand ich festverwurzelt im Schlick viele haardünne, grüne Fäden. Unter dem Mikroskop stellte ich fest, dass es eine Schlauchalge war. Mit Hilfe einer Kollegin aus Göttingen fanden wir heraus, dass die Alge in Deutschland neu ist, sich extrem schnell ausbreitet und vermutlich aus Neuseeland stammt.

Glauben Sie an eine therapeutische Wirkung von Meer und Watt?

Reise: In seelischer Hinsicht auf jeden Fall! Dem Meer direkt zu begegnen und in eine ganz andere Erfahrungswelt einzutauchen, ist toll. An den Füßen kribbelt und krabbelt es. Und je weiter draußen man ist, desto ruhiger wird es. Man hört nur noch das Meeresrauschen und die Rufe der Vögel. Allerdings begibt man sich auch in die Abhängigkeit einer Naturgewalt. Die Flut kommt irgendwann zurück. Und bei einem Gezeitenunterschied von zwei Metern können es sich nur sehr wenige Menschen leisten, einfach mal stehen zu bleiben.

Hat Sie die Flut schon einmal überholt?

Reise: Ich bin manchmal leichtsinnig und bleibe zu lange draußen. Aber ich bin ein guter Schwimmer und kenne mich im Watt aus. Zur Not frage ich die Wattwürmer nach dem Weg (lacht). Am gefährlichsten ist Seenebel. Dann sieht man von einem auf den anderen Moment nichts mehr. Laien rate ich deshalb dazu, unbedingt an geführten Wattwanderungen teilzunehmen und nicht auf eigene Faust loszuziehen.

Von RND/epd