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Göttingen Lässt Ähnlichkeit Affen sich als verwandt identifizieren?
Campus Göttingen Lässt Ähnlichkeit Affen sich als verwandt identifizieren?
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20:00 27.05.2020
Ist die Ähnlichkeit der Gesichtszüge bei Mandrills (Mandrillus sphinx) eine Folge von Selektion? Dieser These haben sich Wissenschaftler des Deutschen Primatenzentrums angenommen. Quelle: Amblard
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Göttingen

Halbschwestern, die denselben Vater haben, sehen sich ähnlicher als Halbschwestern, die dieselbe Mutter haben – so ist es zumindest bei Mandrills, Affen, die in Äquatorialafrika leben und verwandte Gesichtszüge möglicherweise besser erkennen als Menschen. Halbschwestern väterlicherseits pflegen bei den Mandrills zudem intensivere Beziehungen zueinander als nicht verwandte Tiere. Wissenschaftler des Deutschen Primatenzentrums – Leipniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen und vom Institut des Sciences de l’Evolution de Montpellier (ISEM), die das Phänomen mittels künstlicher Intelligenz erforscht haben, sehen darin erstmals einen Hinweis dafür, dass ähnliche Gesichtszüge das Ergebnis von Selektion zur gegenseitigen Erkennung väterlicherseits Verwandter ist.

Bei vielen Tieren weisen miteinander verwandte Artgenossen ähnliche Merkmale auf. Manche sind einander sogar wie aus dem Gesicht geschnitten. Ungeklärt ist laut Mitteilung des Deutschen Primatenzentrums bisher jedoch gewesen, ob diese Ähnlichkeit lediglich die genetische Verwandtschaft der Tiere widerspiegelt oder ob sie das Ergebnis von Selektion ist, die das gegenseitige Erkennen von Verwandten erleichtert.

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Wissenschaftler ziehen „Deep Learning“ zu Rate

Ein Team von Wissenschaftlern um Marie Charpentier vom ISEM in Montpellier, zu denen auch Clémence Poirotte und Peter Kappeler vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen gehören, hat nun erstmals mittels künstlicher Intelligenz („Deep Learning“) an freilebenden Mandrills überprüft, ob die Ähnlichkeit der Gesichtszüge dieser Altweltaffen eine Folge von Selektion ist.

Verwendet wurden dabei von den Wissenschaftlern 16000 Porträtfotos von Mandrills, die seit 2012 im Rahmen des Mandrillus-Projekts in Gabun aufgenommen wurden. Die Gruppe ist die einzige an den Menschen gewöhnte freilebende Mandrillgruppe. Mit dieser Methode zur Gesichtserkennung wurden zunächst die Individuen identifiziert.

Das ist das DPZ

Die Deutsches Primatenzentrum GmbH (DPZ) – Leibniz-Institut für Primatenforschung betreibt biologische und biomedizinische Forschung über und mit Primaten auf den Gebieten der Infektionsforschung, der Neurowissenschaften und der Primatenbiologie. Das DPZ unterhält außerdem vier Freilandstationen in den Tropen und ist Referenz- und Servicezentrum für alle Belange der Primatenforschung. Das DPZ ist eine von 96 Forschungs- und Infrastruktureinrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft.

In der Folge wurde bestimmt, wie ähnlich sich die Gesichter der Affen sind. Die Ergebnisse dieser Analysen wurden abschließend mit den Verwandtschaftsgraden der Tiere in Beziehung gesetzt.

Mandrills leben in Gruppen, die aus mehr als 100 Individuen bestehen und dadurch charakterisiert sind, dass die Weibchen mütterlicherseits verwandt sind. Sie sind einander vertraut und bleiben ihr ganzes Leben lang in derselben Familie. Da sich in Mandrillgruppen hauptsächlich das Alphamännchen fortpflanzt, haben junge Mandrills ähnlichen Alters meist denselben Vater.

Identifikation über ähnliche Gesichtszüge

Als Angehörige unterschiedlicher Familienverbände innerhalb der großen Gruppen sollten sie sich allerdings kaum kennen. Dennoch interagieren Halbschwestern väterlicherseits ebenso wie Halbschwestern mütterlicherseits häufiger miteinander als nicht verwandte Tiere, fanden die Wissenschaftler heraus. „Diese Beobachtung deutet darauf hin, dass sich väterlicherseits verwandte Halbschwestern anhand ihrer Gesichtszüge als verwandt erkennen können“, erläutert Clémence Poirotte vom Deutschen Primatenzentrum.

Obwohl Halbgeschwister mütterlicherseits wie väterlicherseits denselben Grad genetischer Verwandtschaft hätten, sei die optische Übereinstimmung unter väterlicherseits verwandten Weibchen stärker, so Poirotte. „Wir vermuten, dass sich die Ähnlichkeit der Gesichtszüge zwischen väterlicherseits Verwandten entwickelt hat, um soziale Abgrenzung und gegenseitige Bevorzugung unter Verwandten zu ermöglichen.“

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Von Eduard Warda

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