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Göttingen Studie zu Traditionslinien des Rechtsextremismus veröffentlicht
Campus Göttingen Studie zu Traditionslinien des Rechtsextremismus veröffentlicht
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13:58 19.03.2019
Die Autoren der Studie Florian Finkbeiner und Katharina Trittel. Quelle: Böhm
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Göttingen

Es ist die erste Arbeit der Forschungs- und Dokumentationsstelle zur Analyse politischer und religiöser Extremismen in Niedersachsen (Fodex) an der Universität Göttingen.

Die Forschungsstelle, angesiedelt am Institut für Demokratieforschung, stellt bei ihrer Arbeit die Phänomene der politischen Kultur Niedersachsens in den Vordergrund. Dabei werden Milieus, Gruppen und Zusammenschlüsse betrachtet, die mit ihren Ideen und Vorstellungen im Kontrast zu einer gesellschaftlichen Mehrheit stehen können.

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Zunehmende Etablierung der AFD

Ein Anlass für die Studie sei die zunehmende Etablierung der Partei AFD, erklären die beiden Autoren Katharina Trittel und Florian Finkbeiner. „In Niedersachsen ist die AFD zwar nicht so erfolgreich wie in anderen Bundesländern, aber auch hier gehen die Werte für die Volksparteien zurück“, sagt die Historikerin Trittel. Die Studie verfolge die Frage, ob es bestimmte kulturelle und historische Eigenheiten der Regionen gebe, an denen extreme politische Ideen „andocken könnten“. Ein Verständnis solcher Strukturen könne helfen, potenzielle politische Gefahren für die Demokratie zu identifizieren.

Niedersachsen sei nach dem zweiten Weltkrieg eine Art Stammland der rechtsextremen Parteien gewesen. Ein Umstand, der heute in diesem Bundesland kaum noch jemandem bewusst ist, erklärt Finkbeiner. „Kaum einer weiß es, jeder reagiert geschockt.“ Denn das „bildet sich heute nicht mehr ab“. Heute sei Niedersachsen keineswegs Hort oder Hochburg eines aggressiven Rechtsradikalismus.

Inkonsequente Entnazifizierung

Nach 1945 wurden allerdings viele rechtsextreme Parteien hier gegründet. Die Studie führt als Beispiele unter anderem die Deutsche Partei (DP) mit dem konservativen Zauderer Heinrich Hellwege, eine nationalkonservative Konkurrenz der CDU an. Aus der ehemaligen DNVP wurde im norddeutschen Raum die Deutsche Konservative Partei (DKP), die nach kurzer Zeit mit anderen Kleinstparteien zur Deutschen Reichspartei (DRP) wurde. Sie sei eine Herberge für Rechtsextremisten unterschiedlicher Prägung gewesen, in der ehemalige NSDAP-Mitglieder einflussreich waren. Aus diesen Strukturen heraus gründete sich in den 1960er Jahren auch die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) in Hannover.

In ihrer Studie identifizieren Trittel und Finkbeiner fünf Faktoren, die dies begünstigt haben. Dazu gehörten eine inkonsequente Entnazifizierung auf lokaler Ebene, mangelnde Strukturreformen und soziale Krisen. Spezifische Faktoren seien in Niedersachsen zum einen auch die große Zahl der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge gewesen, die hier aufgenommen wurden. Zum anderen die lange Grenze erst zur Sowjetischen Besatzungszone, später zur DDR, und ein daraus resultierender starker Antikommunismus.

Niedersächsische Fallstudien

Drei Regionen machten Trittel und Finkbeiner aus, in denen dies besonders zum Tragen kam: Das Gebiet nordwestlich von Oldenburg, die Lüneburger Heide und das Braunschweiger Umland. „Ein Resistenzfaktor“, so Trittel, „scheint ein katholisches Milieu zu sein.“

Vieles davon spiele heute keine so große Rolle wie noch in den 1950er Jahren, so der Politikwissenschaftler Finkbeiner, funktioniere aber immer noch als eine Art unterschwelliger Bodensatz, als Referenzpunkt einer Gemeinschaft. Für den Erfolg rechtsradikalen Gedankenguts müssten aber weitere Variablen dazukommen.

Niedersächsische Fallstudien der Fodex, sollen aufzeigen, welche das sein könnten. Außerdem dürfe man bei der Erklärung nicht die Mehrheitsgesellschaft aus dem Blick verlieren. Deshalb hat die Forschungsstelle in einer repräsentativen Umfrage, dem „Niedersachsen-Monitor“, die Niedersachsen zu ihren politischen Einstellungen befragt. Die Ergebnisse sollen in den nächsten Wochen in Hannover vorgestellt werden.

Die Studie ist online unter www.fodex-online.de/publikationen einzusehen.

Von Christiane Böhm