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Campus Göttingen Göttinger Historiker soll Bahlsens dunkle Seiten durchleuchten
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16:01 06.09.2019
Professor Manfred Grieger vor dem Bahlsen-Sitz in der Podbielskistraße in Hannover. Er ist beauftragt mit der Aufarbeitung der Firmengeschichte.
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Göttingen

Noch steht er am Anfang, hat aber völlig freie Hand: Der Göttinger Honorarprofessor Manfred Grieger arbeitet in den nächsten vier Jahren die Unternehmens- und Familiengeschichte des Hannoveraner Traditionsunternehmens Bahlsen auf. Zu verdanken hat er das letztlich der öffentlichen Kritik an verharmlosenden Aussagen von Firmenerbin Verena Bahlsen zur Behandlung von Zwangsarbeitern im zweiten Weltkrieg.

Äußerungen der Unternehmenserbin Verena Bahlsen zum Umgang des gleichnamigen Keks-Imperiums mit Zwangsarbeitern haben eine bundesweite Debatte entfacht. Quelle: dpa

Der Marktführer im deutschen Süßgebäckmarkt ist daraufhin in die Offensive gegangen und hat den Historiker im Einvernehmen mit der Familie Bahlsen damit beauftragt, die NS-Geschichte des Unternehmens schonungslos aufzuklären. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte. Grieger knöpft sich die Historie des 1889 von Hermann Bahlsen gegründeten Unternehmens, aus dessen nach dem Philosophen Leibniz benannten Butter Cake das deutsche Wort Keks hervorging, von 1914 bis in die 1970er-Jahre vor. Feldpostbriefe spielen dabei ebenso eine Rolle wie Werbegrafiken, Produktinnovation, Marketing und Wirtschaftsgeschichte inklusive der Erfolgsstory des Butterkekses.

Fabrik in Kiew betrieben

Ein Schwerpunkt liege auf der Aufklärung auch der dunklen Seiten des Unternehmens, der Zwangsarbeit und Einbindung ins NS-System, staatlicher Aufträge und persönlicher Verquickungen, sagt Grieger. Wie die Zwangsarbeiter tatsächlich behandelt wurden, kann der 59-Jährige noch nicht sagen, geht aber von einer sehr schlechten Arbeits- und Versorgungssituation insbesondere in der Ukraine aus. In Kiew habe Bahlsen seit 1942 eine Fabrik mit 2000 Beschäftigten betrieben – fast ausschließlich Zwangsarbeiter aus der Ukraine.

Bis zu 2500 Zwangsarbeiterinnen, zumeist aus Osteuropa, sollen während des Krieges für Bahlsen gearbeitet haben. Quelle: PHL

In Hannover seien in Kriegszeiten 1500 Menschen beschäftigt gewesen, darunter ein Drittel junge Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa. Untergebracht gewesen seien sie in zwei Barackenlagern in Nähe des Werksgeländes, für schwere und einfache Arbeiten eingeteilt, ihrer Jugend, Freiheit und Gesundheit beraubt worden. Außerdem habe es einen Betrieb in Gera und Auslieferungslager in ganz Deutschland gegeben.

Notrationen für die Wehrmacht

„Was isst die Menschheit unterwegs? Na selbstverständlich Leibniz Cakes!“ Der Werbeslogan von 1898 bekam in Kriegszeiten einen bitteren Beigeschmack. Reichsbehörden und das Militär hätten Kontakte zum Unternehmen gepflegt, Bahlsen-Produkte der Versorgung der Wehrmacht gedient, berichtet Grieger: „Auch Notpäckchen für abgestürzte Piloten waren mit Keksen bestückt.“ Ansonsten habe der Absatz unter Rationierungen gelitten, während die Rüstungsproduktion boomte: „Die Keksproduktion ist kein Günstling der Kriegswirtschaft.“

Zahlen, Daten und Fakten kann der in Hamm geborene Historiker noch nicht vorlegen: „Zunächst ist Lesen angesagt.“ Zurzeit wertet er vorhandene Literatur aus und studiert Publikationen wie die über den Gestapo-Chef in Hannover, der sich für Bahlsen eingesetzt habe. Für seinen Forschungsauftrag hat er unbeschränkten Zugriff auf das umfangreiche Firmenarchiv und kann auch auf Familien-Überlieferungen zurückgreifen. Weitere Anlaufstellen für die Recherche sind die Stadtarchive in Hannover und Gera, Landesarchive und das Bundesarchiv, insbesondere das dortige Militärarchiv. Auch nach Kiew will Grieger reisen, die Suche nach Zeitzeugen aufnehmen und Entnazifizierungsakten sichten: „Die sind mal mehr, mal weniger aussagekräftig. Man kann aber klären, ob jemand Lagerleiter war oder nur im Lohnbüro saß.“

Prof. Manfred Grieger Quelle: r

Nach einer Ausbildung zum Buchhändler hat sich Grieger, der eigentlich Lektor werden wollte, schon während des Studiums in Bochum intensiv mit der Frage der Zwangsarbeiterentschädigung befasst – „als noch kaum einer davon sprach“. Das Thema habe ihn auch im wissenschaftlichen Sinn nicht mehr losgelassen. Auch nicht als Volkswagen-Chefhistoriker. Als er nach Informationen der Braunschweiger Zeitung eine Studie, die die Rolle des Audi-Vorgängers Auto Union in der NS-Diktatur heruntergespielt habe, kritisiert habe, habe sich der Konzern von ihm getrennt. Dazu will und darf sich Grieger allerdings nicht äußern.

Wohl aber dazu, dass sich die Selbstreflektion von Unternehmen insgesamt geändert hat: „Die Firmen haben erkannt, dass ein realistisches statt beschönigendes Verhältnis zur eigenen Geschichte die Glaubwürdigkeit erhöht.“

Der goldene Leibnizkeks ist Kult. Quelle: HAZ NP

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