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Göttingen Göttinger Mediziner warnt vor Energydrinks und Boostern
Campus Göttingen Göttinger Mediziner warnt vor Energydrinks und Boostern
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16:06 10.01.2019
Beliebtes Modegetränk: Energydrinks sind in Deutschland frei im Handel erhältlich. Quelle: dpa
Göttingen

Sie werden in grellbunten Dosen verkauft, tragen lustige Namen und schmecken in der Regel extrem süß. Die Hersteller von Energydrinks und Boostern haben sich längst ein mehrheitlich junges Publikum erschlossen. Der Göttinger Kinderkardiologe Dr. Martin Hulpke-Wette informiert über die Risiken der stark koffeinhaltigen Getränke.

Der Konsum sogenannter Energydrinks steigt in Deutschland seit Jahren rasant an. Die zucker- und koffeinhaltigen Aufputschmittel werden gerade bei Kindern immer beliebter. Spielt das Thema auch in Ihrem Alltag eine Rolle?

Jeder meiner Patienten wird zu seinem Konsum von Energydrinks befragt. Viele geben freimütig zu, bereits Kontakt gehabt zu haben. Laut einer Studie der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit haben 19 Prozent der Grundschüler schon einmal einen Energydrink konsumiert oder tun dies sogar regelmäßig. Mir ist ein Fall bekannt, in dem drei noch sehr junge Kinder sich eine Dreiliterflasche geteilt haben. Schuldbewusstsein gibt es kaum, schließlich konsumiert die ganze Peergroup.

Die Hersteller werben mit Leistungssteigerung im Sport, bei der Arbeit und neuerdings sogar bei Computerspielen. Wie realistisch sind diese Versprechungen?

Wissenschaftlich ist im Sport keine Leistungssteigerung durch die Einnahme von Energydrinks nachweisbar. Koffein ist sogar von der Dopingliste gestrichen worden, weil kein Effekt festgestellt werden konnte. Auch eine positive Auswirkung auf die geistige Leistungs- oder Konzentrationsfähigkeit ist nicht belegt. Dennoch erfreuen sich die Drinks beispielsweise in Kreisen der Computer-Spieler besonders großer Beliebtheit. Nach einer Befragung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) aus dem Jahr 2009 werden pro Session bis zu zwei Liter Energydrinks pro Session getrunken. Außerdem kommen neuerdings auch sogenannte Booster in Pulverform mit einem noch höheren Wirkstoffgehalt zum Einsatz. Ein Messlöffel enthält bereits mehr Koffein, als die Lebensmittel-Kontrollbehörde als Grenzwert für einen Erwachsenen festgelegt hat.

Wie wirken sich die Bestandteile dieser Getränke und Pulver auf den Körper von Heranwachsenden aus?

Es gibt keine repräsentativen Studien mit Minderjährigen, weil sich eine solche Untersuchung ethisch nicht vertreten lässt. Weil uns diese Daten fehlen, werden die Erkenntnisse von Erwachsenen auf Kinder übertragen. Das kann zu tödlichen Fehleinschätzungen führen.

Nach einer Studie der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit konsumieren mittlerweile mehr als Zweidrittel aller Jugendlichen zwischen zehn und 19 Jahren regelmäßig Energydrinks. Was können die gesundheitlichen Konsequenzen sein?

Es gibt medizinische Befunde sogenannter High-Chronic-User, also von Kindern, die vier bis fünf Mal pro Woche täglich Energydrinks konsumieren. Hier ist eine Hypertrophie, also eine Verdickung der Herzmuskelwand zu beobachten. Die Konsequenzen daraus können Herzinfarkt oder Durchblutungsstörung des zentralen Nervensystems sein. Bei Mengen zwischen einem und drei Litern wurde außerdem akutes Nierenversagen dokumentiert. Noch gefährlicher werden die Energydrinks in Kombination mit Alkohol. Für Patienten mit kardiologischen Vorerkrankung wie Herzrhythmusstörung kann ein RedBull-Wodka schon zu hyperdynamen Kreislaufversagen führen. Das sind die, die plötzlich in der Disko auf der Tanzfläche zusammenbrechen.

In einigen Nachbarländern ist der Verkauf an Jugendliche bereits verboten oder zumindest eingeschränkt. In Deutschland ist ein Verbot nicht in Sicht. Hersteller und Händler mahnen lediglich zu dosiertem Konsum. Reicht das aus?

Definitiv nicht. Solange Kinder und Jugendliche ungehinderten Zugang haben, werden Warnhinweise allein keine Wirkung zeigen. In Pulverform potenziert sich das Problem, da die Mengen für den Konsumenten nicht mehr real fassbar sind. Bisher hat die aufgenommene Flüssigkeitsmenge den Konsum beschränkt – diese natürliche Grenze entfällt. Für mich ist das ein Thema für den Jugendschutz. Es gibt auf Bundesebene bereits mehrere Initiativen, die sich für die Freigabenbeschränkung einsetzen.

Zur Person

Martin Hulpke-Wette ist niedergelassener Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin mit dem Schwerpunkt Pädiatrische Kardiologie. Als Sprecher der Arbeitsgruppe Prävention der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie (DGPK) weist er seit Jahren auf die Risiken von Herz-Kreislauf-Erkrankungen hin. Der 1962 in Bonn geborene Mediziner hat in Göttingen studiert und promoviert. 2005 verließ er die Abteilung für Pädiatrische Kardiologie und Intensivmedizin der Universitätsklinik als Oberarzt und arbeitet seither in freier Praxis.

Von Markus Scharf

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