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Göttingen "Es gibt keinen Präsidenten, der nicht auch kritisiert wird"
Campus Göttingen "Es gibt keinen Präsidenten, der nicht auch kritisiert wird"
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21:51 19.07.2019
Universitätspräsidentin Ulrike Beisiegel in ihrem Büro im Aulagebäude am Wilhelmsplatz. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Ulrike Beisiegel geht zum 30. September in Ruhestand.

Frau Professorin Beisiegel, Sie haben am Donnerstag mit der Ankündigung Ihres noch früheren Abschieds von der Georgia Augusta einige Menschen überrascht, andere vielleicht erleichtert. Warum haben Sie sich dazu entschieden?

Das ist ganz einfach: der Nachfolger ist gewählt, die hauptamtliche Vizepräsidentin für Finanzen und Personal, Válerie Schüller, hat sich sehr schnell und sehr professionell eingearbeitet. Auf der anderen Seite gibt es Unruhe in der Universität. In der Situation ist es meiner Meinung nach besser, wenn diejenige, die hinsichtlich ihres Führungsstils auch in der Kritik steht, nicht noch mehr dazu beiträgt, dass sich die Geister weiter erregen.

Das heißt, Frau Schüller übernimmt die Amtsgeschäfte ab Oktober in der Übergangszeit?

Ja, ganz formal ist Frau Schüller meine Vertreterin. Mein Wunsch wäre, dass Herr Spoun so bald wie möglich hier beginnt.

Hat es Anfeindungen gegeben?

Ich würde das nicht Anfeindungen nennen: Es gibt Kritik an meiner Amtsführung; die gibt es und gab es immer. Es gibt keinen Präsidenten, der nicht auch kritisiert wird. Und am Ende der Amtszeit wird die Kritik auch noch mal lauter.

Meine Botschaft ist: Es ist nie so, dass in einer großen Einrichtung alle einer Meinung sind. Und in einer akademischen Einrichtung sollte man immer auf einen Konsens hinarbeiten und den nach außen vertreten.

Minister Thümler hat am Donnerstag in seinem Statement betont, dass Sie die erste Präsidentin der Universität Göttingen sind. Haben Sie selbst das Gefühl, dass Sie als Frau in der Amtsführung anders kritisiert worden sind als es einem Mann widerfahren wäre?

Ja, was meiner Meinung daran liegt, dass Frauen einen anderen Führungsstil haben. Umzugehen mit einem anderen Führungsstil ist, an Universitäten und Unternehmen, für beide Geschlechter durchaus neu. Dadurch können Konflikte entstehen. Ich glaube, wir sind noch nicht an dem Punkt, dass genug Frauen Führungspositionen übernommen haben, um hier Normalität erreicht zu haben. Es ist noch ungewohnt, dass es Unterschiede gibt. Das erleben meine Kolleginnen in vergleichbaren Positionen ebenfalls.

Ihr designierter Nachfolger Herr Spoun hat schon mitbekommen, dass an der Universität Göttingen ein scharfer Wind weht und steht in der Kritik. Unabhängig von seiner Person, wie beurteilen Sie die Situation der Präsidentenämter an Hochschulen, sind eher Wissenschaftsmanager als Forscherpersönlichkeiten gefragt?

Ich selbst bin Forscherin gewesen und zur Wissenschaftsmanagerin geworden. Und ich kann sagen, dass der Teil des Wissenschaftsmanagements immer noch zu gering geschätzt wird – in Deutschland und vielleicht auch in anderen Ländern. Es ist einfach auch ein großes akademisches Unternehmen, das Präsidenten/innen leiten. Es ist sicher nicht falsch, wenn ein Amtsinhaber ein guter Wissenschaftsmanager ist, insofern spricht das für Herrn Spoun.

Wie sieht die optimale Aufgabenverteilung aus, um auch denen gerecht zu werden, die nach Forscherpersönlichkeiten an der Spitze einer Universität rufen?

Ein Präsidium einer traditionsreichen Universität wie der Georgia Augusta muss beide Komponenten haben. Das steht für mich außer Frage: Es muss einen sehr guten Manager als Präsidenten, aber auch eine hohe akademische Kompetenz und einen guten Wissenschaftsvertreter im Präsidium geben. Aber das sieht auch Herr Spoun so, den ich so verstanden habe, dass er einen starken Vizepräsidenten für Forschung haben möchte.

Das Scheitern der Universität Göttingen in der ersten Runde der Exzellenz-Strategie im vergangenen Jahr haben Sie zum Anlass genommen, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Bereuen Sie das?

Bei manchen Leuten ist es so angekommen, dass ich das Scheitern allein auf meine Kappe genommen habe. Das war nicht der Fall. Ich habe gesagt, wenn wir keinen Antrag stellen können, kann nicht geprüft werden, ob unsere Strategie richtig ist. Ich bin der Meinung, wenn wir die Chance bekommen hätten, den Antrag zu stellen, hätten wir auch eine gute Chance gehabt, den Status Exzellenz-Universität zu erhalten.

Das ist nicht eingetreten, und Sie haben den Kurs geändert.

Meine Überzeugung war, es macht keinen Sinn, wenn ich bis Ende 2020 bleibe. Deshalb mache ich den Weg frei. Dabei habe ich der Universität ein Jahr Zeit gegeben, einen Nachfolger zu finden. Der Grund war nicht allein das Scheitern der Cluster. Ich gebe niemanden in diesem Zusammenhang eine Schuld. Die Wissenschaftler haben ihr Bestes getan und wir alle sind der Meinung, dass sie es sehr gut gemacht haben, auch wenn es dann nicht geklappt hat. Mein Vizepräsident für Forschung und ich sowie alle Beteiligten haben nach allen Kräften unterstützt.

Im Oktober 2018 haben Sie angekündigt, zum Jahresende 2019 in den Ruhestand zu gehen. Was hat Sie dazu bewogen, nun bereits Ende September die Universität zu verlassen?

Es war im letzten Jahr noch nicht klar, wann ein Nachfolger gefunden ist. Als erfahrene Führungspersönlichkeit habe ich gesagt, dass ein Jahr der Universität die Zeit gibt, meine Nachfolge gut zu regeln und zwar in einem geordneten Prozess. Deshalb der genannte Zeitraum. Nun ist eher alles in trockenen Tüchern und deshalb habe ich mich dazu entschieden.

Die Herausforderungen der Universität Göttingen in den nächsten Jahren aus Ihrer Sicht sind welche? Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Ich würde ihm sagen, dass die Universität viele ganz herausragende Forschende hat. Zusammen mit den Forschenden am Göttingen Campus ist das ein Potenzial, dass man jetzt nutzen muss zur Erhaltung und zur Erweiterung der internationalen Sichtbarkeit des Standortes. Das sollte man als Erstes im Auge haben. Ich empfehle, die Forschenden sollten stärker ihre Forderungen in die universitären Gremien einbringen und damit in die Entscheidungsprozesse. Ich bedauere, dass sie dies nicht wirklich tun.

Welche Möglichkeiten gibt es für die herausragenden Forschenden zur Partizipation?

Wer wählt denn die Senatoren? Das sind auch die Professoren – und sie können selbst die Gremien mit besetzen oder stärker die Mandate der Senatoren als Interessenvertreter herausfordern.

Welche Wege sollte die Universität mit Blick auf Studium und Lehre beibehalten oder einschlagen?

Den Studierenden wünsche ich, dass Studium und Lehre einerseits auf disziplinäre fachliche Wissensvermittlung setzt, aber auch auf interdisziplinäre Kompetenz zum Verständnis für globale gesellschaftliche Entwicklungen. Was ein Studium als Ergebnis haben muss, sind Fach- und Führungskräfte, die ein Erarbeiten und Aufzeigen von Lösungswegen beherrschen. Zum Beispiel: Ein Chemiker hat Chemie grundlegend gelernt und muss im weiteren Studienverlauf die interdisziplinären Kompetenzen zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen vermittelt bekommen.

Die Situation der Nachwuchswissenschaftler wird oft beklagt. Sind die auf den Weg gebrachten Projekte nach Ihrer Meinung erfolgreich?

Die Konzepte zur wertschätzenden Unterstützung der Nachwuchswissenschaftler sollten weitergeführt werden. Das würde ich mir sehr wünschen. Eines dieser Projekte ist das Post-Doc-Netzwerk, in dem es auch um die Vorbereitung auf Karrierewege außerhalb der Wissenschaft gehen. 95 Prozent der Absolventen gehen nicht in die Wissenschaft und wir zeigen auf welche Möglichkeiten es gibt: Ausgründungen oder Tätigkeiten in Industrie und Wirtschaft gehören dazu. Entrepreneurship, wie im Südniedersachsen-Innovations-Campus, wird gefördert.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Verwaltung der Universität?

Die Gesamtorganisation einer Universität muss von der Wissenschaft geleitet sein, aber im rechtlichen Rahmen. Und deshalb ist mir wichtig, dass Wissenschaft und Verwaltung wertschätzend und partnerschaftlich miteinander umgehen und miteinander reden. In unserer Verwaltung bin ich damit auf großes Verständnis gestoßen und habe auch viel gelernt.

Sie haben viel Lob erhalten für die Öffnung der Universität in die Gesellschaft. Ein Zeichen dafür sind auch die Welcome Centres, die in mehreren Städten in Südniedersachsen zu finden sind.

Die Öffnung in die Region ist mir extrem wichtig. Das Welcome Centre und seine Außenstellen sind schon gut etabliert. Ich halte das für essentiell und bin sicher, dass meine Vizepräsidentin das Projekt erfolgreich fortsetzt.

In Bezug auf die Öffnung in die Gesellschaft geht mein großer Dank an die Akteure in der Region – alle in Stadt und Land, in Unternehmen, Verwaltungen und Kulturinstitutionen. Ich bin auf sehr viel Verständnis und offene Ohren gestoßen. Es war wunderschön und ganz, ganz toll zu sehen wie Stadt, Region und Universität zusammen in allen gesellschaftlichen Bereichen wachsen.

Dass Ihr Herz fürs Forum Wissen schlägt, ist kein Geheimnis. Werden Sie dafür beratend tätig werden oder als Mitglied im Förderkreis Forum Wissen aktiv werden?

Da bin ich schon Mitglied und bleibe es auch. An jeder Stelle, wo Mann oder Frau mich einbinden oder auf meine Expertise zurückgreifen möchte, bin ich da, weil es ein wichtiges Projekt für die Universität und die Region ist. Am meisten würde ich mich freuen, wenn mein Nachfolger das Forum Wissen mit einer ähnlich großen Liebe weiterverfolgt und umsetzt.

Hat Ihr Nachfolger sich mit dem Forum Wissen bereits befasst?

Ja, er beschäftigt sich schon damit und wir haben nächste Woche dazu auch einen Termin. Man kennt Herrn Spoun als kreativen Mann aus Lüneburg. Das wäre das Schönste, wenn ich irgendwann höre, das Forum wird im Dezember 2020 eröffnet und Herr Spoun steht voll dahinter. Es muss sein Projekt werden.

Sie sind passionierte Wassersportlerin. Zieht es Sie nun näher ans Meer oder bleibt Göttingen Ihre Adresse?

Mich zieht es natürlich näher ans Meer. Als Seglerin mag ich das. Göttingen ist eine wunderbare Stadt und ich hatte eine wunderbare Zeit hier. Aber es gibt keinen Grund für mich, in Göttingen zu bleiben. Ich bin für Göttingen da, wenn das Forum Wissen meiner bedarf. Ansonsten würde ich mich eher dem Meer nähern.

Und wohin geht es dann?

Ich denke, es wäre dann schon Hamburg. Aber das möchte ich noch einmal betonen: Ich schätze sehr, sehr viele Menschen hier.

Zur Person: Ulrike Beisiegel

Ulrike Beisiegel (66) wechselte 2011 von einer Stelle als Professorin für Biochemie an der Universität Hamburg nach Göttingen. Mit ihr hat erstmals eine Frau das Präsidentenamt der Georgia Augusta übernommen und mit ihr kam auch erstmals eine externe Bewerberin in das Amt. Ihre zweite Amtszeit begann am 1. Januar 2017. Das Niedersächsische Hochschulgesetz sieht vor, dass Präsidenten die Altersgrenze mit Vollendung des 68. Lebensjahres erreichen. Beisiegel kündigte im Oktober 2018, nach dem Scheitern der Universität Göttingen im Wettbewerb um die Exzellenz-Universitäten, an, ihren Ruhestand zum 31. Dezember 2019 zu beantragen. Am 18. Juli teilte sie mit, dass sie die Universität früher verlässt – zum 30. September. Bereits im Juni ist der Präsident der Universität Lüneburg, Sascha Spoun, zu ihrem Nachfolger gewählt worden. Er will das Amt zum 1. Januar 2020 antreten.

Interview: Angela Brünjes

Die Autorin erreichen Sie unter a.bruenjes@goettinger-tageblatt.de

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