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Campus Göttingen Göttinger Wissenschaftler: Folgen des Brexit bereits zu spüren
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12:49 27.03.2019
Die Sonne geht hinter dem britschen Parlamentsgebäude unter: Das Land ist in der Frage des Brexit tief gespalten. Quelle: dpa
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Göttingen

Zu einer „extrem hohen Verunsicherung“ der Wirtschaft habe die seit zweieinhalb Jahren laufende Diskussion um den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union geführt, sagt Prof. Joachim Ahrens, der an der Privaten Hochschule Göttingen Internationale Volkswirtschaftslehre unterrichtet. Firmen stellten Investitionen zurück. „Viele schweigen darüber, weil sie negative Reaktionen fürchten“, ergänzt Prof. Andreas Busch, der an der Universität Göttingen Vergleichende Politikwissenschaft und Politische Ökonomie lehrt. Ein harter Brexit werde insbesondere die in Großbritannien starke Automobilindustrie treffen, die für den europäischen Markt fertige. BMW (Mini), aber auch die japanischen Autobauer, die Premierministerin Margret Thatcher einst ins Land geholt habe, würden ihre Produktion herunterfahren.

Lange Staus an den Grenzen

„Neu geordnet werden zudem die Lieferketten“, berichtet Busch. Weil die Industrie die Lagerhaltung aus Kostengründen weitgehend aufgegeben habe, müssten Teile auf den Zeitpunkt genau geliefert werden. Bei einem harten Brexit würden aber mit langen Staus an der Grenze gerechnet. Das gelte für den Kanaltunnel in Dover, aber auch für deutsche Häfen. Sie seien personell der neuen Herausforderung kaum gewachsen. Hinzu kämen die Zollzahlungen.

„Da die EU Großbritanniens wichtigster Absatzmarkt ist, wird der Brexit das Land ökonomisch hart treffen“, ist sich Busch sicher. Das könne das Land nicht durch mehr Handel mit dem Commonwealth auffangen. Großbritannien komme mit dem Abschluss bilateraler Handelsabkommen nicht voran. Das Land sei für andere Staaten viel weniger interessant als der gewaltige europäische Binnenmarkt mit seinen derzeit noch mehr als 510 Millionen Bürgern. So nutze Großbritannien der „starke Wertverlust“ des Pfunds nicht. Er erleichtere Exporte, dafür fehlten aber die Zugänge zu Absatzmärkten. Die Briten träfen deshalb vor allem die währungsbedingt gestiegenen Kosten für Importe.

Brexitfolgen treffen vor allem Geringverdiener

„Die Einkommen werden sinken, die Arbeitslosigkeit steigen“, fasst Busch zusammen. Das treffe insbesondere wenig qualifizierte Arbeitnehmer und die Regionen außerhalb des Großraums London, die für den Brexit gestimmt hätten. Ein Brexit auf der Basis des 500 Seiten starken Scheidungsprotokolls federe die Effekte ab, die bei einem harten Ausstieg doppelt so stark ausfielen.

„Die übrigen europäischen Staaten werden den Brexit ebenfalls deutlich spüren“, sagt Volkswirt Ahrens. Bei einzelnen Branchen und Regionen seien die „Dellen“ sogar „erheblich“. Irland, zum Beispiel, werde „sehr“ unter dem Brexit leiden, ergänzt Busch. Insgesamt aber werde Europa den Abschied der Briten verkraften.

Widersprüchliche Gründe für den Brexit

„Die Gründe, warum die Briten trotz der massiven wirtschaftlichen Folgen den Austritt wollen, sind widersprüchlich“, sagt Busch. Viele verständen nicht, dass Großbritannien trotz der Nettozahlungen an die Union unterm Strich von der Mitgliedschaft profitiere. Andere lehnten die Einwanderung ab. Tatsächlich stamme die Hälfte der Migranten aus der Union. Das habe allerdings damit zu tun, dass Großbritannien bei der Osterweiterung 2004, anders als Deutschland, seine Grenzen sofort geöffnet habe.

„Vielen Konservativen ist es ein Dorn im Auge, dass ihr Land mit der europäischen Integration an nationaler Souveränität verliert“, erläutert Busch. Auf der Linken lehnten viele die EU als ein „Europa der Konzerne“ ab. Großbritannien sei über Parteigrenzen hinweg in dieser Frage in zwei etwa gleich große Lager gespalten. Das mache Vorhersagen schwierig. Viele Gegner seien zudem für rationale Argumente nicht zugänglich. Sie misstrauten Experten.

„Vielleicht schreckt der Brexit die besonnenen Kräfte in Europa auf, für die Integration zu kämpfen“, hofft Ahrens. Der Politik müsse die Sorgen der Globalisierungsverlierer ernst nehmen und gleichzeitig klar machen, dass Nationalisten und Populisten Wohlstand und Stabilität des Kontinents gefährdeten.

Von Michael Caspar

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