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Göttingen Wissenschaftlerin sucht nach Gründen für geringen Migrantenanteil in Verwaltungen
Campus Göttingen Wissenschaftlerin sucht nach Gründen für geringen Migrantenanteil in Verwaltungen
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08:00 05.08.2019
Menschen mit Migrationshintergrund stärken eine Verwaltung, meint Christine Lang: Ausbildungsjahrgang 2019 der Stadt Göttingen. Quelle: r
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Göttingen

Aufgrund von Diskriminierung, benachteiligender Kriterien und mangelnder Werbung arbeiten in deutschen Behörden wenig Menschen mit Migrationshintergrund. Zu diesem Schluss kommt die Göttinger Soziologin Christine Lang.

Warum spiegelt sich der multikulturelle Alltag in deutschen Städten kaum in der Belegschaft von Ämtern und Behörden wider? Warum hat das Drängen der Politik in den vergangenen 15 Jahren, dass sich der Öffentliche Dienst öffnen soll, daran bisher kaum etwas geändert? Diesen Fragen ist Lang in ihrer Dissertation nachgegangen.

Forscherin am Max-Planck-Institut

Christine Lang Quelle: r

„Die Produktion von Diversität in städtischen Verwaltungen – Wandel und Beharrung von Organisationen in der Migrationsgesellschaft“, lautet der Titel ihres 2019 erschienenen Buches. Lang, die von 2011 bis 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück war, arbeitet seit Juli 2017 am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen.

Qualitativ-ethnografische Studie

Die Soziologin untersucht in ihrer qualitativ-ethnografischen Studie, wie drei Berliner Bezirksverwaltungen Mitarbeiter für die Verwaltungsausbildung rekrutierten. Lang führte 60 Interviews mit Akteuren aus Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft sowie mit Auszubildenden und Beschäftigten mit Migrationshintergrund. Außerdem führte sie teilnehmende Beobachtungen durch und analysierte Dokumente aus Politik, Verwaltung und den Massenmedien.

Ethnische Stereotype

Eine Reihe von Gründen für den niedrigen Migrantenanteil arbeitet Lang in ihrer Doktorarbeit heraus. Sie stellte fest, dass bei der Auswahl der Auszubildenden – mehr oder weniger unterschwellig – ethnische Stereotype mitwirken. So trauten die von ihr befragten Personalverantwortlichen zum Teil jungen Männern türkischer oder arabischer Herkunft eine Verwaltungstätigkeit nicht zu.

Auslese der Besten

Zudem können Auswahlkriterien, die scheinbar an der Auslese der Besten orientiert sind, strukturell benachteiligend wirken. „Die Verwaltungen suchen in der Regel nach jungen Menschen mit einem guten mittleren Schulabschluss“, berichtet Lang. Viele Schüler aus Zuwandererfamilien schneiden im deutschen Schulsystem aber nicht erfolgreich ab. So werden nach Einschätzung der Soziologin viele eigentlich intelligente und motivierte Bewerber aussortiert.

Interkulturelle Kompetenz

Kaum Berücksichtigung finden bei der Rekrutierung nach Langs Beobachtungen interkulturelle Kompetenzen und Fremdsprachenkenntnisse. Ein Hindernis ist eine angeblich unzureichende Beherrschung des Deutschen. Das lässt sich nach Meinung der Wissenschaftlerin durch zusätzlichen Deutschunterricht während der Ausbildung auffangen, zumal nach Darstellung ihrer Gesprächspartner auch deutschstämmige Bewerber in diesem Bereich zunehmend Defizite aufweisen.

Geringes Wissen über öffentlichen Dienst

„Viele Migranten wissen wenig über die Beschäftigungsmöglichkeiten im Öffentlichen Dienst“, stellte die Wissenschaftlerin fest. Die Verwaltungen müssen in Schulen oder auf Berufsmessen aktiv um junge Migranten werben, betont sie. Sind erst einmal Zuwanderer in einer Behörde tätig, so erleichtert das das Anwerben weiterer Menschen mit Migrationshintergrund. Eine wichtige Rolle spielen schließlich die Bürgermeister und die leitenden Beamten, die die interkulturelle Öffnung einfordern und die dafür notwendigen Ressourcen bereitstellen.

Höhere Identifikation mit dem Staat

Die Wissenschaftlerin hält die Öffnung des Öffentlichen Dienstes für wichtig. Gleiche Beschäftigungschancen sind herzustellen. Die interkulturelle Kompetenz der Mitarbeiter kommt Klienten mit Einwanderungsgeschichte zugute. Diese identifizieren sich stärker mit dem deutschen Staat, so Lang.

Preisgekrönte Doktorarbeit

Die Göttinger Wissenschaftlerin Christine Lang ist für ihre Dissertation mit zwei Preisen ausgezeichnet worden. Den Augsburger Wissenschaftspreis für interkulturelle Studien, den Helmut und Marianne Hartmann 1998 gestiftet haben, erhielt sie im Juli im Goldenen Saal des Rathauses. Der Preis wird jährlich von der Universität Augsburg gemeinsam mit der Stadt Augsburg und dem Augsburger Forum Interkulturelles Leben und Lernen verliehen.

Über die Preisträger 2019 hat unter dem Vorsitz von Professor Eckhard Nagel, Mitglied des Deutschen Ethikrats sowie Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth, eine elfköpfige Jury entschieden. Nagel erklärte, dass sich die Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund durch das Repräsentieren staatlicher Autorität verbessere.

Bereits im Februar hat Lang den Promotionspreis der Sektion Migration und ethnische Minderheiten der Deutschen Gesellschaft für Soziologie bekommen.

Von Michael Caspar

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