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Göttingen Grass-Archiv soll von Stiftung verwaltet werden
Campus Göttingen Grass-Archiv soll von Stiftung verwaltet werden
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17:24 24.09.2018
Der Verleger Gerhard Steidl (Mitte) und Uni-Präsidentin Ulrike Beisiegel unterzeichnen den Stiftungsvertrag.
Der Verleger Gerhard Steidl (Mitte) und Uni-Präsidentin Ulrike Beisiegel unterzeichnen den Stiftungsvertrag. Quelle: CHH
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Göttingen

Rund 60 etwa ein Kubikmeter große Container umfasst das Archiv, das Steidl jetzt der Öffentlichkeit und damit der wissenschaftlichen Erforschung übergibt. „Was hier entstanden ist, ist mehr als ein Verlagsarchiv“, erklärte der Verleger am Montag am Rande der Vertragsunterzeichnung. „Dies ist ein Arbeitsarchiv.“ Es enthalte Dokumente, die den Entstehungsprozess der Grass-Bücher im Steidl-Verlag zeigen. Und daran hätten immer mehr junge Menschen Interesse, weiß der Verleger. Jede Woche hätte er mehrere Anfragen – auch aus dem Ausland.

„Wir freuen uns sehr, dass wir mit dieser Treuhandstiftung dazu beitragen können, dass auch kommende Generationen von Lesern, Forschenden und Interessierten Zugang zu diesem ganz besonderen Teil des einzigartigen Werks von Günter Grass haben“, sagte Universitätspräsidentin Ulrike Beisiegel. Die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) biete dafür die idealen Voraussetzungen und die nötige Infrastruktur, um den Bestand langfristig zu sichern.

„Zauber des Analogen“

Die Stiftung in Trägerschaft der Hochschule soll nun also gewährleisten, dass die Bestände des Archivs zu wissenschaftlichen sowie zu Bildungszwecken zur Verfügung stehen. Ein Teil des Archivs ist im denkmalgeschützten Grass-Haus in der Düsteren Straße 6 untergebracht, die übrigen Teile befinden sich in der SUB.

Prof. Heinrich Detering unterstrich am Montag die wissenschaftlichen Möglichkeiten, die sich durch das Archiv für seinen Fachbereich ergeben. „Grass war ein großer Schriftsteller, er war ein ausgebildeter Bildkünstler. Und er war jemand, der im Übergangsbereich zwischen Text und Bild intensiv gearbeitet hat.“ In einer Zeit, in der alle mit nichts so sehr beschäftigt seien, wie mit der Digitalisierung, entfalte Grass Buchkunst den ganzen Zauber des Analogen. Seine Werke seien eben weit mehr als der reine Text, den man elektronisch nachlesen könnte. Der Literaturwissenschaftler hat bereits Teile des Archivs gesichtet und bezeichnete den Zustand der meisten Archivalien auf Nachfrage als „sehr gut“.

Erster Schritt: Aufarbeitung

Im ersten Schritt soll das Archiv jetzt professionell aufbereitet und damit wissenschaftliche nutzbar gemacht werden. Denn bisher liegen die Bücher, Übersetzungen, Manuskripte, Entwürfe, Bilder, Grafiken und sogar Werbemittel laut Steidl unsortiert in den Containern. „Ich bin kein Archivar und hätte auch gar keine Zeit dazu gehabt“, gestand der Verleger am Montag. Zum Grass-Archiv gehöre übrigens auch das Material aus dem Luchterhand-Verlag, das Steidl 1993 übernommen hat.

Das Projekt der systematischen Materialerschließung ist zunächst auf zwei Jahre angelegt. Zwei wissenschaftliche Stellen sind dafür vorgesehen. Man wird außerdem mit der Akademie der Künste in Berlin und dem Grass-Haus in Lübeck zusammenarbeiten. Gemeinsam mit der SUB hat die Göttinger Germanistik für diese Phase einen Förderantrag bei der Volkswagenstiftung gestellt. „Was daraus an weiteren Projekten entsteht , werden wir sehen“, so Deterings Blick in die Zukunft.

„Die Universität ist sich ihrer Verantwortung bewusst“

Genaue Kosten für die langfristige Arbeit der Stiftung wollten die Verantwortlichen am Montag nicht beziffern. Die Stiftungsverwaltung werde von der Universität selbst übernommen. Wieviel Geld nötig sein werde, um das Archiv und das gerade renovierte Grass-Haus langfristig zu erhalten, werde sich dann ergeben, erklärte Beisiegel und betonte: „Die Universität ist sich ihrer Verantwortung bewusst.“

Für Detering hat ein besonderes Kapitel der Grass-Forschung begonnen. Seine Auseinandersetzung mit der Buchkunst, lasse sich hier nun besser zeigen als irgendwo sonst. „Die jahrzehntelange Zusammenarbeit zwischen Grass und dem Steidl-Verlag hat Buch-Kunstwerke hervorgebracht, die Texte, Typografie und Bilder in einzigartiger Weise verbinden.“ Das Archiv sei eine Schatzkiste, die es jetzt zu erschließen gelte.

Von dpa