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Göttingen Ausstellung zu Wissen und Erfahrung im Handwerk
Campus Göttingen Ausstellung zu Wissen und Erfahrung im Handwerk
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18:38 04.04.2019
„Ihr wisst mehr als ihr denkt! Erfahrungswissen zwischen Tradition und Innovation" ist der Titel einer Ausstellung, die im Günter-Grass-Archiv-Haus zu sehen ist.
„Ihr wisst mehr als ihr denkt! Erfahrungswissen zwischen Tradition und Innovation" ist der Titel einer Ausstellung, die im Günter-Grass-Archiv-Haus zu sehen ist. Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen

Eine Orgel steht im Eingangsraum des Grasshauses. Zwischen den stählernen Stützen ist sie verankert. Eigens für die Ausstellung hat ein Orgelbaumeister sie entwickelt. Denn der Orgelbau ist eines der Themen dieser Ausstellung, ein zweites der Lehmbau. Beides seien „Objekte der Könner“ wie sie die Wissenschaftler erforschten.

Nur über Erfahrung erlernbar

Orgel- und Lehmbau seien Fertigkeiten, die nur über Erfahrung erlernbar seien, erklärt Dr. Dorothee Hemme vom Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie. Genau solche Berufe sind es, mit denen sie sich in den vergangenen vier Jahren beschäftigt hat. Ebenfalls beteiligt an diesem Forschungsprojekt ist unter anderem Benjamin W. Schulze vom Volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und an der Universität Göttingen. Beide präsentierten gemeinsam mit Prof. Regina Bendix vom Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie die Schau vorab.

Galerie eröffnet

Zehn Berufe hätten sie zu Beginn anrecherchiert, berichtet Hemme. Übrig blieben der Orgelbau und Lehmbau. Vor allem letzterer ist in dem denkmalgeschützten und überraschend restaurierten Grass-Haus aus dem frühen 14. Jahrhundert hervorragend zu sehen. Mit einer Toninstallation erläutern Fachleute am praktischen Beispiel der Wand die Verwendung von Lehm beim Hausbau über die Jahrhunderte. Ein wandernder Lichtkegel zeigt die jeweils betreffende Stelle an der Wand. Die Ausstellung zeige, wie Wissen und Erfahrung zu Könnerschaft und Neuerungen im Handwerk führen, teilen die Organisatoren mit. So präsentieren sie fein angeleuchtet unter einem Vitrinenglas einen kleinen Dichtungsring und einen leicht umgearbeiteten Zahnarztspatel, beides Neuerungen der vergangenen Jahrzehnte für den Orgelbau. Auch ein kleines Häufchen einer pulverigen Substanz ist dort zu sehen, eine Probe eines Trockenlehms, dessen Entwicklung das Verarbeiten des Stoffes bei Hausbau wesentlich vereinfachte.

Zusammenarbeit mit der Zentralen Kustodie

Auf einigen Schautafeln ist viel zu lesen über die Intention der Forscher und ihre Ergebnisse. Die enge Zusammenarbeit mit der Zentralen Kustodie der Universität beim Erstellen dieser Ausstellung verdeutlicht eine Wand in der Schau, an der eine ganze Reihe von Objekten verschiedener Universitätssammlungen zu sehen sind – ein kleiner Vorgeschmack auf das Forum Wissen, das derzeit neben dem Busbahnhof gebaut wird. Auch dort sollen bedeutende Ausstellungsstücke der Sammlungen präsentiert werden – auch zu Forschungszwecken. Im Grass-Haus sind unter anderem das Modell eines doppelten Baggerwerks, Schreibinstrumente aus dem Besitz der Familie von Schlözer und das Modell eines Auges aus der Anatomie/Embryologie der Georg-August-Universität ausgestellt.

„Mit der Ausstellung werben wir für einen breit gefassten Wissensbegriff, der von Hierarchien absieht, erklärt Bendix. Gerade im Handwerk zeige sich, wie Erkenntnisse aus Erfahrungen gewonnen und durch Übung verfestigt werde.

Mit 570.000 Euro gefördert

„Wir wollen den enormen Fundus an Erfahrungswissen verdeutlichen, der in einem handwerklichen Beruf aufgebaut wird und zu innovativer Könnerschaft befähigt“, ergänzt der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Kilian Bizer. Das Ministerium für Bildung und Forschung förderte das Projekt übrigens mit 570.000 Euro.

Die Ausstellung „Ihr wisst mehr, als ihr denkt!“ läuft noch bis zum 17. November im Günter-Grass-Haus, Düstere Straße 6 in Göttingen. Sie ist sonnabends und sonntags von 12 bis 16 Uhr geöffnet.

Von Peter Krüger-Lenz