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Göttingen Himmelfahrtstreffen Bursfelde: Joachim Reitner über 4,5 Milliarden Jahre Erdgeschichte
Campus Göttingen Himmelfahrtstreffen Bursfelde: Joachim Reitner über 4,5 Milliarden Jahre Erdgeschichte
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10:30 31.05.2019
Steine als Archiv: Prof. Thomas Kaufmann (links) und Prof. Joachim Reitner vor der Bursfelder Klosterkirche. Quelle: Michael Schäfer
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Bursfelde

Um Steine ging es beim Himmelfahrtstreffen der Universität Göttingen in der Klosterkirche Bursfelde: sowohl aus theologischer als auch aus geologischer Sicht. Diesmal war die Kirche nicht ganz so komplett gefüllt wie in den vergangenen Jahren.

Traditionell folgt dieses Treffen der Benediktiner-Regel „ora et labora“ (bete und arbeite) – deshalb schließt sich dem Gottesdienst stets ein wissenschaftlicher Vortrag an. Im Gottesdienst predigte der Göttinger Theologe Prof. Thomas Kaufmann, Abt von Bursfelde, über den „lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar“ (1. Petrus 2, 1-5) und verwies darauf, dass Gott auch „im Schreien der Steine“ redet (Habakuk 2, 11). Den Vortrag hielt der Göttinger Geologe Prof. Joachim Reitner, von Kaufmann als „Steineflüsterer“ angekündigt. Reitner habe sich für die Geologie früh interessiert, erzählte Kaufmann: geboren in Garmisch-Partenkirchen, sei Reitner „mit dem Blick auf riesige Steine aufgewachsen“.

„Leben als geologische Kraft“

Über nicht weniger als viereinhalb Milliarden Jahre Erdgeschichte berichtete Reitner in seinem Vortrag mit dem Untertitel „Leben als geologische Kraft“. Jeder alte Stein sei ein Archiv und erzähle die Geschichte von Anfang an. Man müsse nur imstande sein, dieses Archiv zu öffnen. Dies tat Reitner auf ausgesprochen spannende Weise in seinem frei gehaltenen, deshalb besonders lebendigen Vortrag.

Vor ziemlich genau 4,530 Milliarden Jahren seien Erde und Mond aus einem Zusammenstoß der Proto-Planeten Theia und Gaia entstanden. Aus den hinausgeschleuderten Resten habe sich der Mond gebildet, aus dem Rest die Erde, zu Beginn ein einziger Magma-Ozean. Leichtere Gesteine wie Granit seien auf dem schwereren Basalt geschwommen und hätten dann die ersten Kontinente gebildet, abgekühlte Platten in der Größe etwa von Korsika oder Sardinien. Zwar gebe es keine steinernen Überreste. Doch habe man kleine Zirkon-Kristalle aus dieser Zeit gefunden, die man auf die damalige Zusammensetzung der Erde und ihrer Atmosphäre untersucht habe: Da gab es lauter Treibhausgase wie Kohlendioxid, Methan und Carbonylsulfid, jedoch keinen freien Sauerstoff.

„Fetttropfen, in dem irgendetwas drin ist“

Erste Formen von Leben seien vor vier Milliarden Jahren nachweisbar: eine hypothetische Urzelle, genannt LUCA (Last Universal Common Ancestor), lebensfähig nur bei Temperaturen zwischen 60 und 120 Grad Celsius, vereinfacht zu beschreiben als ein „Fetttropfen, in dem irgendetwas drin ist“. Der Inhalt: das seien Substanzen wie DNS und RNS, verantwortlich für den Stoffwechsel und die Weitergabe von Informationen, um sich selbst zu reproduzieren. Doch „keiner weiß genau, wie Leben entsteht“, so Reitner.

Diese ersten Lebensformen hätten von Anfang an auf die geologische Struktur der Erde eingewirkt: nämlich durch ihre Methoden der Energiegewinnung, durch chemische Prozesse etwa, auch durch die Photosynthese, also Energiegewinnung aus dem Sonnenlicht, aber auch durch eine Art von Recycling, die wir Menschen heute noch praktizierten: „Wir essen bereits gebildete organische Materie“, so Reitner. Als Beispiel für durch Leben ausgelöste chemische Prozesse erwähnte er ein in Island gefundenes Archaeon (Urbakterium), das bei Temperaturen um 100 Grad Celsius in seinem Stoffwechsel Mangankarbonat bildet, eine Art Kalkstein, den es dort sonst nicht geben würde. „Organismen greifen aktiv in das geologische System ein. Leben beginnt den Planeten zu formen.“

Eine gewaltige chemische Umwälzung

Eine Milliarde Jahre später sei durch den Stoffwechsel der Cyanobakterien zum ersten Mal Sauerstoff aus Wasser und Kohlendioxid unter Einwirkung von Sonnenlicht erzeugt worden. Das habe eine gewaltige chemische Umwälzung hervorgerufen, bei der gigantische Eisenlagerstätten entstanden seien, dazu eine globale Kalkbildung, die den CO₂-Gehalt der Atmosphäre habe absinken lassen. Darauf folgte, so Reitner („Jetzt wird’s kalt!“), eine globale Eiszeit mit vereisten Kontinenten rings um den Äquator mit Jahresdurchschnittstemperaturen von minus 50 Grad Celsius, die sogenannte Schneeball-Erde (Cryogenium). Als später die Gletscher Gesteinsmaterialien in die Ozeane transportierten, habe eine Art Überdüngung stattgefunden, von der Algen und frühe Wassertiere profitierten.

In seinen weiteren Ausführungen gab Reitner einen kurzen Abriss der späteren Entwicklung des Lebens bis heute und erwähnte dabei auch den fossilen Meeresgrund bei Herberhausen, auf dem Spuren von Organismen zu entdecken seien, die das Sediment durchwühlt haben. Angesichts der möglichen Einwirkungen des Lebens auf die Geologie formulierte er als eindringliches Schlussplädoyer: „Achten wir darauf, was wir tun!“

Von Michael Schäfer

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