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Göttingen „Ich wollte eine Edelfeder werden“
Campus Göttingen „Ich wollte eine Edelfeder werden“
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18:31 22.07.2009
Helmut Böttiger.
Helmut Böttiger. Quelle: SPF
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Berichte über Feuerwehrbälle und Kaninchenzüchtervereine waren Helmut Böttigers erste Texte Ende der achtziger Jahre bei den Stuttgarter Nachrichten. Erst im zweiten Schritt rückte der Germanist in das Feuilleton vor. „Dort gab es kein journalistisches Funktionieren, die Ressortautonomie stand über allem“, so Böttiger und fügt hinzu: „dort arbeiteten die so genannten Edelfedern“.

Im Hörsaal der Alten Pathologie gab der freie Kritiker einen Überblick über die Entwicklungen in der Literaturkritik und Feuilletonberichterstattung sowie der Gegenwartsliteratur der vergangenen rund 20 Jahre. „Ich wollte eine Edelfeder werden“, doch die Zeit derer habe als vergangen gegolten. Es seien die blasierten Autoren mit Prägung der fünfziger Jahre und einer der 68er Generation gewesen, jeder schrieb Rezensionen seines Interesses, „Popkultur kam nicht vor“. Doch ein Paradigmenwechsel stand an: Journalistisch denken war die Maßgabe, Medienressorts wurden eingerichtet.

Bis vor zehn Jahren sei das Wochenendfeuilleton das Flaggschiff der Zeitung gewesen – längst sei die Literaturkritik der schnellen, an Renditen orientierten Hofberichterstattung über Schauspieler und Moderatoren, dem Investmentbanking vergleichbar, gewichen. Im daraus resultierenden Magazinjournalismus gilt der Produzent mehr als der Interpret, es zählte der kurze Augenblick.Zu seinem Alltag schilderte er: „Obwohl die Zeitungen am wichtigsten für die Reputation sind, bezahlen sie am schlechtesten. Der Literaturkritiker lebt vom Sprechen – im Rundfunk, auf Vorträgen oder hier.“

An Beispielen wie den Popliteraten in den neunziger Jahren oder den Namenskolumnen, deren Schreibersubjektivität leer bliebe, erklärte Böttiger die Entwicklung, die den Reiz immer im Biografischen festzumachen suche. „Es fehlt an langfristigen Strategien.“

Mitte der neunziger habe die Literatur, für die es derzeit Agenturen gab, das „Ringen um den Ausdruck“ hinter sich lassen wollen. Medienhypes begleiteten heute nahezu vergessene Autoren wie Michael Kumpfmüller. Bleiben würden eher die Autoren, die unbeeinflusst vom Medieninteresse schreiben konnten, wie Ulrich Pelzer, Herta Müller und Wilhelm Genazino

Böttiger mündet nach diesen Koordinaten in sein leidenschaftliches Abschlussplädoyer: „Literatur braucht mehr als bloße Medienkompetenzen. Am wichtigsten ist es wirklich, Bücher zu lesen, sich nicht nur über ,Spiegel online’ zu informieren.“ Literaturkritik, so Böttiger, „ist der Agent der Literatur – und wer käme in der heutigen Zeit ohne einen Agenten aus?“

Von Tina Lüers

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