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Göttingen Mit Agroforstwirtschaft an den Klimawandel anpassen?
Campus Göttingen Mit Agroforstwirtschaft an den Klimawandel anpassen?
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16:30 10.08.2019
Im Harz ist der Fichtenwald bereits von Borkenkäfern befallen. Quelle: dpa
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Göttingen

 Prof. Tobias Plieninger leitet seit Oktober 2017 das neu eingerichtete Fachgebiet „Sozial-ökologische Interaktionen in Agrarsystemen“ an den Universitäten Kassel und Göttingen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Nachhaltigkeitswissenschaften. Im Tageblatt-Interview spricht er über die Bedeutung der Agroforstwirtschaft.

Prof. Tobias Plieninger Prof. Tobias Plieninger Prof. Tobias Plieninger Quelle: r

Was bedeutet Agroforstwirtschaft und wie kann eine solche Bewirtschaftung in der Praxis zum Beispiel aussehen?

Agroforstwirtschaft ist eine uralte und in der Welt weit verbreitete Form der Landbewirtschaftung, die Ackerbau und Viehhaltung mit der Nutzung von Bäumen oder Sträuchern verbindet. Ein traditionelles Beispiel für solche Nutzungsweisen sind etwa die offenen Eichenwälder Portugals, die Viehwirtschaft und Korkgewinnung kombinieren und damit eine der artenreichsten Kulturlandschaften Europas erhalten. Ein modernes Beispiel sind sog. „Alley Cropping“-Systeme, die Ackerkulturen mit Streifen schnellwachsender Gehölzarten verbinden und etwa in Brandenburg zum Anbau von Biomasse genutzt werden.

Welche Vorteile bietet die Aufhebung der strikten Trennung von Forst- und Landwirtschaft für die Umwelt und den Naturschutz? Wie können Landwirte, wie können aber auch Gemeinden und Verbraucher profitieren?

Die Kombination von Vieh, Ackerkulturen und forstlichen Nutzungen sorgt für reich strukturierte Landschaften. Es ist gut belegt, dass sich dies positiv auf die Biodiversität, aber auch auf viele andere Umweltressourcen auswirkt – etwa im Hinblick auf den Klimaschutz, die Bodenfruchtbarkeit, die Qualität des Grundwassers und das Landschaftsbild. Interessanterweise sind die Erträge der Agroforstwirtschaft oft höher als die einer getrennten Agrar- und Forst-Produktion. Agroforstwirtschaft kann der Landwirtschaft auch zur Anpassung an den Klimawandel dienen.

Die Wälder in der Region stehen durch Wetterextreme und Borkenkäfer vor Problemen. Warum ist die Agroforstwirtschaft im Zweifel geeigneter für den Artenschutz, als die reine Umwandlung des Forsts in Laub- und Mischwälder?

Agroforstwirtschaft und die Umwandlung in artenreiche Mischwälder schließen sich nicht gegenseitig aus. Gegenwärtig wird Agroforstwirtschaft insbesondere als Maßnahme zur ökologischen Aufwertung von strukturarmen Agrarlandschaften diskutiert, in denen der Biodiversitätsverlust besonders ausgeprägt ist.

Welche Nachteile sehen Sie bei der Bewirtschaftung durch die Mischform von Ackerbau, Viehzucht und Forst? Welche Hürden stehen womöglich auch im Weg?

Nicht jede Form der Agroforstwirtschaft eignet sich für jeden Standort. Doch in den meisten Fällen überwiegt der Nutzen der Agroforstwirtschaft mögliche Nachteile. Insofern überrascht es, dass Agroforstwirtschaft bislang nur in wenigen Regionen Mitteleuropas zum Einsatz kommt, während sie in den Ländern des Globalen Südens weit verbreitet ist. Dem liegen vielfältige rechtliche, technische und kulturelle Barrieren zugrunde. Insbesondere gibt es noch viel zu wenige finanzielle Anreize für Agrarbetriebe, Beiträge zum Ressourcenschutz – ob Klima-, Boden-, Wasser- oder Naturschutz – zu leisten. Eine umfassende Förderung der Agroforstwirtschaft und anderer nachhaltiger Landnutzungsformen ist daher eine wichtige Aufgabe für die künftige Agrarpolitik.

Wo sind Agroforstgebiete bereits erfolgreich etabliert? Wo in der Region gibt es solche Modelle und wie sehen Sie aus? Würde es sich anbieten, den Agroforst in Südniedersachsen zu verbreiten?

Agroforstwirtschaft ist weiter verbreitet, als wir glauben – gemäß einer jüngeren Studie auf bis zu 9% der landwirtschaftlichen Flächen der EU. Allerdings sind die Agroforstgebiete auf einzelne Regionen konzentriert, insbesondere auf den Mittelmeerraum und auf Südosteuropa. Auch in Südniedersachsen finden sich traditionelle Formen von Agroforst, beispielsweise Streuobstwiesen. Die Erhaltung traditioneller und die Einführung moderner Agroforst-Nutzungen bietet sich durchaus auch für Südniedersachsen an.

Wie geht die Forschung in Göttingen mit dem Thema um, wie untersuchen Sie die Agroforstwirtschaft und welche Erkenntnisse konnten Sie gewinnen?

An der Universität Göttingen sind mehrere Arbeitsgruppen mit der Entwicklung und Bewertung von Agroforstwirtschaft befasst – in den Agrarwissenschaften, den Forstwissenschaften und an weiteren Fakultäten. Mein Arbeitsbereich beschäftigt sich unter anderem mit der Erfassung der gesellschaftlichen Wohlfahrtswirkungen der Agroforstwirtschaft, den sog. Ökosystemleistungen, auf europäischer Ebene.

Darunter leidet der Wald in Südniedersachsen

Borkenkäferplage am Wurmberg, bei Ebergötzen und Reyershausen, Sturmschäden im Harz und die allgemeine Dürre: Die Wälder kämpfen mit mehreren Problemen gleichzeitig.

Besonders der wenige Millimeter große Borkenkäfer macht den Fichten in der Region zu schaffen. Die Käfer bohren sich nach Angaben der Hessenforst in die Bäume und legen ihre Eier ab. So wird die Rinde, die Wasser und Nährstoffe in das Holz transportiert, geschädigt. Auch die fehlenden Niederschläge sind heikel. Der Regen der vergangenen Wochen komme eigentlich zu spät, sagte Hessen-Forst-Leiter Michael Gerst der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Bei der anhaltenden Trockenheit und einem Massenanflug können sich die Bäume nämlich nach Angaben der Hessenforst nicht mehr mit Harzfluss gegen Schädlinge wehren. Sie müssen gefällt und entfernt werden, um die Plage einzudämmen. „Wer den Klimawandel bestreitet, muss nur zu uns in den Wald kommen“, sagt der Präsident der Landesforsten Klaus Merker. Mittelfristig müsse man die Wälder umforsten. Nach dpa-Informationen fordern die Waldbesitzer nun mehr Geld für Aufforstung.

Von Norma Jean Levin

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