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Göttingen Kaiser Nero kassiert den Freispruch
Campus Göttingen Kaiser Nero kassiert den Freispruch
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19:46 10.11.2011
Wellhausen-Vorlesung: Theologieprofessor Betz aus Chicago. Quelle: CR
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Göttingen

Der Kaiser habe die gesamte alte Elite des Reiches hinrichten lassen. Auch die christliche Glaubensgemeinschaft sei ins Visier des Staates geraten. Betz hält es für wahrscheinlich, dass der Heidenapostel in Rom gestorben ist. Die Bibel schweige dazu allerdings. Andere Quellen liegen nicht vor.

Neutestamentler Betz, der sich an der Universität Mainz habilitiert und seit 1978 in Chicago gelehrt hat, analysiert während der Julius-Wellhausen-Vorlesung in der Paulinerkirche den Philipperbrief. Paulus verfasste den Text in römischer Gefangenschaft. Der Apostel fragt sich in seiner misslichen Situation, ob es wertvoller sei, zu leben oder zu sterben.

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Darüber haben sich auch zahlreiche antike Denker den Kopf zerbrochen, berichtet Betz. Philosophen, die an eine unsterbliche Seele glaubten, hätten mit dem Sterben geringere Probleme gehabt als die auf das Diesseits orientierten Skeptiker und Epikuräer. Paulus erklärt im Philipperbrief, dass er am liebsten abscheiden wolle, um ganz bei Christus zu sein. Nur aus Pflichtgefühl gegenüber den ihm Anvertrauten sei er bereit, im Fleisch zu bleiben.

Paulus hat lange gezögert, ob er überhaupt nach Rom fahren soll, weiß Betz. Der Grund: Während einer Apostelkonferenz in Jerusalem war er mit der Heidenmission beauftragt worden. In der Gemeinde in Rom seien aber viele bekehrte Juden gewesen. Der im Neuen Testament enthaltene Römerbrief habe eventuell dazu gedient, die Lage zu sondieren. Allerdings, so Betz, sei nicht klar, ob der Brief wirklich an die Römer adressiert gewesen sei. Es gebe einen wichtigen Überlieferungsstrang des Textes, wo die Adressierung an die Römer fehle.

Klarer ist nach Darstellung von Betz die Beziehung des Paulus zu den Philippern. Der Apostel habe sich nach Abschluss der Mission in Kleinasien, der heutigen Türkei, Griechenland zugewendet. Die römische Siedlung Philippi in Makedonien habe ihm, dem römischen Bürger, als Brückenkopf für seine Reisen nach Athen und Korinth gedient. In Philippi sei die Stimmung zunächst feindselig gewesen.

Dann habe Paulus dort aber eine Gemeinde gründen können und mit den Bekehrten sogar ein Partnerschaftsabkommen abgeschlossen. So seien die Philipper zu Teilhabern des paulinischen Missionswerks geworden, führt der Professor aus. Daher bedanke sich der Apostel im Philipperbrief nicht bei den Philippern für gesendetes Geld, sondern bei Gott. Die Mittel hätten ihm vertraglich zugestanden. Die Einstufung des Gotteslobes in der Literatur als „dankloser Dank“ sei deshalb ein „religionsgeschichtlicher Irrtum“.

Unklar ist nach Einschätzung von Betz, was Paulus in Rom eigentlich wollte. Hatte er etwas mit der dortigen Gemeinde vor oder wollte er von dort lediglich nach Spanien weiterreisen? Paulus sei zwei Jahre in Rom geblieben. Was er dort gemacht habe, deute er im Philipperbrief aufgrund der Briefzensoren Neros nur an. Wenn er am Ende in Rom gestorben sei, stehe er in einer Reihe mit aufrechten heidnischen Philosophen von Sokrates bis Seneca.

Die Julius-Wellhausen-Vorlesung ist nach einem der bedeutendsten Gelehrten benannt, der im 19. Jahrhundert in Göttingen lehrte. Wellhausen (1844-1918) befasste sich mit Altem und Neuem Testament sowie mit dem frühen Islam. Die Vorlesung wird von einer zu diesem Zweck gegründeten Stiftung finanziert. Ausrichter ist das Centrum Orbis Orientalis et Occidentalis mit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

Von Michael Caspar