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Göttingen Kapitän berichtet über Seenot-Rettung von Flüchtlingen
Campus Göttingen Kapitän berichtet über Seenot-Rettung von Flüchtlingen
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12:47 17.10.2018
Hat mit seiner Mannschaft in zweieinhalb Jahren 30.000 Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet: Kapitän Klaus Vogel. Quelle: PATRICK BAR SOS MEDITERRANEE
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Göttingen

Dass Menschen, die vor Krieg und Terror fliehen, hilflos im Meer umkommen, lässt Vogel keine Ruhe. „Bis Oktober 2014 hat die italienische Marine gemeinsam mit der Küstenwache den Flüchtlingen geholfen“, erzählt er. Die Italiener hätten allein in den letzten zwölf Monaten ihrer Tätigkeit 150.000 Menschen das Leben gerettet.

Flucht im Schlauchboot

„Die anderen Staaten der Europäischen Union haben Italien allerdings bei der Aufnahme der Flüchtlinge allein gelassen“, berichtet Vogel. Verärgert habe der italienische Staat daraufhin die Hilfe eingestellt. Die Flüchtlinge kämen aber weiterhin, insbesondere von Libyen aus, über das Meer. Die meisten Schiffe, vor allem die Schlauchboote, schafften die Überfahrt aus eigener Kraft nicht. Rette niemand die Schiffbrüchigen, gingen sie unter.

Kriminelle Schlepperbanden

„Dass sich Menschen überhaupt in solche Boote setzen, zeigt, wie verzweifelt sie sind“, meint der Kapitän. Die Afrikaner seien aus ihrer Heimat südlich der Sahara vor Krieg und Terror geflohen. Bei der Durchquerung der Wüste würden bereits viele sterben. Die meisten Überlebenden gingen nach Libyen. Seit der Westen dort das Regime von Muammar al-Gaddafi gestürzt habe, gebe es fast keine staatliche Ordnung mehr. Kriminelle Schlepperbanden könnten weitgehend ungestört ihre Dienste anbieten. Für die Flüchtlinge sei das Leben in Libyen kaum zu ertragen. Sie seien dort rechtlos, würden misshandelt und müssten Sklavenarbeit leisten. Am Ende wollten sie nur noch weg.

Die meisten Flüchtlinge können nicht schwimmen: Verteilung von Schwimmwesten. Quelle: GUGLIELMO MANGIAPANE SOS MEDITERRANEE

Boatpeople aus Vietnam

Kapitän Vogel reagierte schockiert auf die Einstellung der Seenotrettung. „Als junger Seemann hatte ich Ende der 70er-Jahre einmal etwas ähnliches erlebt“, erinnert er sich. Damals seien Vietnamen vor dem kommunistischen Regime auf Booten über das südchinesische Meer geflohen. Sein damaliger Kapitän habe einen großen Bogen um die Region gemacht, um ja keine Ertrinkenden aufnehmen zu müssen.

Vorbild Rupert Neudeck

„Angesichts dieser humanitären Katastrophe charterte Rupert Neudeck mit Gleichgesinnten den Frachter Cap Anamur und rettete die Flüchtlinge“, erzählt Vogel. Der damalige Ministerpräsident von Niedersachsen, Ernst Albrecht, der Vater der heutigen Verteidigungsministerin, habe seinerzeit gerettete Flüchtlinge aufgenommen. Die Integration der Vietnamesen in Deutschland sei eine Erfolgsgeschichte geworden.

Schiff Aquarius

Vogel fühlte sich 2015 moralisch verpflichtet, selbst aktiv zu werden. Nach Rücksprache mit seiner Frau kündigte der Vater von vier erwachsenen Kindern seine Stelle als Kapitän von großen Containerschiffen und gründete mit anderen die SOS Mediterannee. „Sieben Monate lange haben wir in Deutschland, Frankreich, Italien und der Schweiz Geld gesammelt“, sagt der Kapiän. Allein in der Bundesrepublik hätten sie einige 1000 Fördermitglieder und mehr als das fünffache an Spendern. Das habe es ihnen ermöglicht, im Januar 2016 mit dem Schiff Aquarius von Sassnitz aus Richtung Mittelmeer zu fahren. Dort hätten sie innerhalb von zweieinhalb Jahren 30.000 Menschen vor dem Ertrinken retten können.

Vortrag im Max-Planck-Institut

Über die Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer spricht Kapitän Klaus Vogel, Mitgründer der Hilfsorganisation SOS Mediterranee, am Donnerstag, 18. Oktober, um 17 Uhr im Göttinger Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, Hermann-Föge-Weg 11. Vogel, der als junger Mann zur See fuhr, hat nach seiner Familiengründung von 1983 an Geschichte studiert und 1995 in Göttingen promoviert. Als ihm eine wissenschaftliche Karriere nicht gelang, fuhr er von 2005 an wieder zur See. Seit 2005 ist er als Kapitän tätig. mic

Italien setzt Panama unter Druck

„Dann weigerten sich Italien und Malta, weitere Flüchtlinge aufzunehmen“, sagt Vogel. Italien habe Panama unter Druck gesetzt, der Aquarius ihre panamaische Flagge zu entziehen. Anderenfalls würde Italien allen Schiffen unter panamaischer Flagge die Einfahrt in italienische Häfen verweigern. Die in Italien geäußerte Einschätzung, dass sich die Retter zu Helfern der kriminellen Schlepper machten, weist Vogel zurück. Sanitäter, die sich auf einem Schützenfest um die Betrunkenen kümmerten, machten auch nicht gemeinsame Sache mit den Wirten, die den Alkohol ausschenkten.

Stimmung gegen Flüchtlinge

Enttäuscht ist der Kapitän von Politikern in Deutschland, die Stimmung gegen Flüchtlinge machen. Wenn Europa Menschen im Mittelmeer ertrinken lasse, verrate es seine eigenen Grundwerte. Die Bundesrepublik benötige zudem Zuwanderer. Sie solle ihnen bei der Integration in Gesellschaft und Berufsleben helfen.

Von Michael Caspar

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